Uns geht es doch so gut

// Kommentar von Diana-Maria Stocker

Dieser Satz hallt seit zwei Tagen noch immer in mir nach.
Nicht, dass ich ihn nicht schon öfter gehört hätte. Eigentlich viel zu oft.
Und zu oft habe ich dazu genickt. Doch seit Längerem kann ich das nicht mehr, sondern erstarre innerlich vor Ungläubigkeit über das Gehörte.

Und dieses Mal ärgere ich mich über mich selber, nicht etwas gesagt zu haben, zu einer Freundin, mit der ich bei einem kleinen Abendessen nach Neujahr saß.

Sie erzählt mir von den immer schwieriger werdenden Bedingungen an ihrem Arbeitsplatz: Personalabbau, Unsicherheiten, die sie auf dem Weg bis zur Verrentung begleiten. Sie berichtet auch von strukturellen Irrsinnigkeiten in einem Unternehmen, das fast nur durch die öffentliche Hand getragen wird. Wir sprechen darüber, dass ein Leben in Deutschland ab dem Rentenalter zudem nicht mehr leistbar sein wird. Auch die Gesundheitsversorgung in Deutschland nimmt stetig ab.

Aber uns geht es doch so gut hier. Wir können froh sein, keinen Krieg zu haben, meinte sie. Noch nicht, brumme ich.

Vor mir die bürgerkriegsähnlichen Bilder aus der Silvesternacht in Berlin und Leipzig. Kurz danach frierende Menschen zu Tausenden ohne Strom über Tage und Nächte in der Bundeshauptstadt. Katastrophenhilfe für die eigenen Bevölkerung kaum zu erkennen, kennt man ja schon aus dem Aartal. Nächste Szene in meinem Kopfkino: Adventmärkte, die mit Bollwerken geschützt werden. Die unzähligen, immer weiter steigenden Opfer durch politisch, islamistisch motivierte Attacken. Das steigende Unsicherheitsgefühl. Die Kriegs-Propaganda-Parolen der deutschen Regierenden, allen voran Merz: „Nicht der Frieden sei das Wichtigste. Frieden gibt es auf jedem Friedhof.“ Nur eine seiner vielen absurd geschmacklosen Aussagen.

Leider nur innerlich brülle ich: „Nein! Es geht uns nicht gut, verdammt noch mal!“

Wer davor die Augen verschließt, ist naiv, weltvergessen und vielleicht auch ein bisschen feige. Denn man müsste sich eingestehen, in einem Land zu wohnen, mit dem es steil bergab geht. Die Verarmung schreitet voran, die Industrie nimmt dank der gewählten Regierung Reißaus. Hamburg ist das Paradebeispiel dieser komplett fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik. Die Sargbretter für den Nummer Eins Wirtschaftsstandort Deutschlands hatte Olaf Scholz schon als damaliger Bürgermeister, durch die Öffnung des Hafens für die Chinesen (Cosco). Vergangenes Jahr wurde mit der von den Hamburgern selbst gewählten CO₂-Klimaneutralität der letzte Sargnagel eingeschlagen.

Nahe meines Wohnorts – mitten im Zentrum des bisher sehr wohlhabenden Münchens – sehe ich immer mehr Obdachlose, die sich in der eiskalten Zeit nur mehr mühsam wärmen können. Wer kann da noch sagen: „Uns geht es doch so gut.“

Ja, wir hier in Mitteleuropa sind privilegiert, per Geburt, nicht primär durch Leistung. Die haben meine Eltern und Großeltern erbracht, und meine Generation versuchte, daran nahtlos anzuschließen. Doch auch schon in dieser Generation machte sich ein Mangel an Selbstkritik sowie eine ausgesprochen unintelligente Unterschätzung anderer Nationen breit. Ein selbstgefälliger, mitleidiger Blick auf die Dritte Welt und die Schwellenländer.

Doch mittlerweile ist Deutschland vor den Augen genau dieser Länder von einer Wirtschaftsmacht maximal nur mehr zu einem Treppenwitz verkommen. International agierende Menschen sehen in Deutschland längst keinen Maßstab mehr.

Das kommt davon, wenn man sich aus wohlgefälliger Kommodheit mit bislang (vermeintlich) Schwächeren misst, anstatt an Herausforderern zu wachsen.

Die cancelt man lieber in der öffentlichen Meinung, bis man – wie geschehen – zum Beispiel China unser angelaufenes Tafelsilber zum Spottpreis andient. Dafür sind despotische Länder dann doch wieder gut genug. Beispiele zu den wirtschaftlichen Aktivitäten Chinas und der arabischen Länder in Deutschland sowie im gesamten europäischen Raum gibt es mittlerweile unzählige. Diese hier aufzuführen würde den Rahmen sprengen.

Dennoch gelingt es besonders den Deutschen, im Sturzflug „Alles schubi“ zu jubeln:


„Uns geht es doch so gut!“

PS:
Aber selbst zum eigenen Absturz kommt Deutschland wahrscheinlich zu spät. Nachdem ich heute meinen Mann zum Flughafen brachte, erfuhr ich wieder einmal, dass Lufthansa nennenswerte Verspätung hat. Eine kurze Recherche zeigte, dass die Lufthansa sowie sämtliche deutsche Flughäfen im Spitzenfeld liegen – bei verspäteten und gecancelten Flügen. Eines kann der Deutsche doch noch sehr erfolgreich: canceln.

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2 Antworten

  1. Als Jugendlicher in den Siebzigern hörte ich immer wieder von alten weissen Männern, Beziehungen schaden nur demjenigen, der sie nicht hat. Die, die nicht zu einer mächtigen Gruppierung gehören, haben wenige oder gar keine Chancen. Was einer kann, tritt zurück, wer einen kennt ist maßgeblich. Na, klingelt es? Fünfzig Jahre später wird offensichtlich, dass eine Gesellschaft sich durch jahrzehntelange Korruption bei der Besetzung von Schlüsselpositionen selbst sabotieren kann. Die Kultur der Seilschaften gipfelte in der Auswahl von Ministern in den Kabinetten Merkel, Scholz und Merz, die meisten wurden vorher nie gesehen, die Qualifikation wurde nicht nachgewiesen, Interessenkonflikte nicht benannt bzw. nie hinterfragt. Manche glauben inzwischen, dass die Lobbyisten direkt in die Ministerien eingezogen sind und ihr Interesse am Gemeinwohl im besten Fall verhalten ist. „Hier in Norddeutschland ist es nicht wie in Sizilien, man denke nur an das Wetter…“ höre ich hin und wieder. Andererseits ist die Lebensqualität in Sizilien garnicht so schlecht, aber möglicherweise hat das dortige Wetter damit zu tun.

    1. Da stimme ich Ihnen absolut zu ! Laut Tagesschau vom 31.03.2025 „…waren zum 31. Dezember 2024 in Summe 26.998 Personen im aktiven Lobbyregister benannt. Rund 95 Prozent der registrierten Interessenvertreter haben ihren Sitz in Deutschland. Jeweils etwas über 30 Interessenvertreter sind in Belgien, den USA und den Niederlanden ansässig. In 2024 wurden 1 Milliarde Euro im Jahr für Lobbyarbeit ausgegeben.“ Da will man doch auch ein Ergebnis sehen, oder ?
      Hier eine aktuelle Aufstellung der zahlungskräftigen Lobbyvereinigungen:
      https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1451099/umfrage/lobbyismus-bundestag-und-bundesregierung/
      und eine interessante Lektüre -> das Lobbyregister des Bundestages: https://www.lobbyregister.bundestag.de/startseite

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