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Der Privatier

von Peter Löcke //

Beim gesellschaftlichen Erstbeschnuppern macht der Mensch höflichen Smalltalk. Das Phänomen gibt es überall. Smalltalk beim spontanen Kneipenbesuch um die Ecke wie auch beim Sektempfang auf einer Vernissage in besseren Kreisen. Dort mit vorheriger Save-the-date Einladung. Es gibt, das ist kein Scherz, sogar Kurse, in welchen Ihnen kostenpflichtig das belanglose, kleine Quatschen beigebracht wird. Leser-Tipp, falls Sie sich das Geld sparen möchten: Die stöhnende Feststellung „Das ist aber auch ein Wetter heute“ funktioniert immer als Dosenöffner für ein Gespräch. Der Satz funktioniert wetterunabhängig und ganzjährig. Nach dem Wetter und noch vor den wirklich gesellschaftsrelevanten Themen wie Fußball fragt der durchschnittliche Teutone das noch fremde Gegenüber „Und? Was machen Sie so beruflich?“ Ich fühlte mich lange unwohl bei der Frage. Früher war der Grund bisweilen Scham. In heutigen demokratiefragilen Zeiten war es dann Angst. Doch irgendwann habe ich aus meiner Not eine Tugend gemacht. Ich wurde mutig und bin in die humoristische Gegenoffensive gegangen. 

„Ich mache in Verschwörungen. Ich bin Free- und Faulenzer.“ 

Aus einer solchen Antwort können lustige Konversationen entstehen. Riecht die Luft nach teurem Parfum und nicht nach Schweiß und Bier, entscheide ich mich zu einem verbalen Upgrade meiner Berufsbezeichnung. Wir leben schließlich in anglophilen Zeiten.

„Ich bin Chief Constructor of Conspiracy.“ 

Diese Antwort hat schon den einen oder anderen gut situierten Gesprächspartner beeindruckt. Daraus haben sich Dialoge entwickelt, die Loriot-verdächtig sind. Natürlich ist mein Verhalten auch grenzwertig und unfair. Schließlich weiß mein Gegenüber in der Regel nicht, dass er sich gerade in einem gelebten Sketch befindet. Von daher war es mehr als nur fair, dass ich am Wochenende meine eigene Medizin schlucken musste.

„Ich bin Privatier.“

Die lässige Antwort meines Gegenübers hinterließ mich sprachlos. Damit sagte mir der unbekannte Mittdreißiger (!) indirekt in nur drei Worten: Ich habe genug erwirtschaftet und muss nicht mehr arbeiten gehen. Nun widme ich mich mit meinem erarbeiteten Geld den schönen Dingen des Lebens. Privatier zu sein ist cool. Rentner oder gar arbeitslos zu sein weniger. Ich war also beeindruckt. Und dann wurde ich traurig. Ich wurde traurig, weil ich über das Private nachdachte. Ich wurde traurig, weil ich feststellte, dass das Thema eigentlich todernst ist.

Privatsphäre hier, öffentlicher Raum dort. Diese Bereiche waren einst strikt getrennt. Diese Trennung hat sich komplett aufgelöst. Immer mehr dringt der Staat penetrant und bevormundend in privateste Räume ein. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Immer mehr gibt der Mensch intimste Dinge auf dem Marktplatz der Öffentlichkeit preis. Bereitwillig. Bereit und willig. Exhibitionistisch. 

Phänomen Facebook und Co. Was steht auf dem Esstisch? Wie ist der sexuelle Fetisch? Wenn ich möchte, erfahre ich im Gesichtsbuch Dinge vom (mit-)teilenden Nachbarn, die ich früher selbst meinem Tagebuch nicht anvertraut hätte. Nun kann ich aus Selbstschutz diesen digitalen Striptease-Plattformen entsagen, nicht aber der realen Welt. Die genervte Frau vor mir an der Supermarkt-Kasse erklärt Ihrem Freund lauthals via Smartphone, dass Sie gerade menstruiert. Vielen Dank für diese Information. Mein Tischnachbar im Café spricht ebenfalls laut ins Handy, dass er seit geraumer Zeit Probleme mit seinem Stuhlgang hat. Wer will das wissen? Hilfe! Ich bin in Zeiten groß geworden, in denen ich wie selbstverständlich den Raum verlassen habe, wenn der Anruf nicht mir, sondern meinem Vater galt.

Schlimmer als der private Exhibitionismus ist der umgedrehte Weg, sind die staatlichen Ein- und Übergriffe in mein Privatleben. Hier seien nur die aktuellen politischen Eisbergspitzen genannt. Man denkt darüber nach, wie lange ich duschen darf, ob kalt oder warm? Zur Kenntnis genommen, Herr Habeck. Die Polizei, so werde ich beruhigt, stürme aber nicht gleich meine Wohnung wie es in Einzelfällen bei Corona der Fall war, weil sich – Skandal – eine nichtverwandte Person zu viel im Raum befand. Das beruhigt mich keinesfalls, wenn ich an das neue Denunziantentum-Fördergesetz alias Hinweisgeberschutzgesetz denke, Herr Freiheitsminister Buschmann. Daneben versucht man mir ein staatliches Gendersprech anzuerziehen, welches eine überwältigende Mehrheit in der Bevölkerung angewidert ablehnt. Auch das stellt eine Form von Gewalt dar. Es ist nicht nur der Staat. Warum duzen mich vermehrt Medien wie Privatfirmen und gehen mit mir auf eine kindliche Emoji-Ebene? Das ist nicht nur unangenehm und peinlich infantilisierend. Das ist übergriffig. Stop!

Sollte irgendwann ein Polizei- oder Kommunalbeamter an meiner Türschwelle stehen … sollte er mich dabei kumpelhaft duzen, obwohl ich das nicht möchte … sollte er um Einlass bitten, weil er die Zimmertemperatur messen möchte … sollte er mir einen Fragebogen überreichen, in welchem ich ausfüllen muss, ob ich geimpft bin oder nicht, ob ich rauche oder nicht, ob ich Fleisch esse oder nicht, ob ich bereits gendere oder immer noch Deutsch spreche … dann werde ich den Beamten bei meiner Antwort freundlich siezen.

„Das geht Sie verdammt noch mal nichts an. Ich bin Privatier. Und nun verschwinden Sie bitte. Ich habe noch konspirativ zu arbeiten.“

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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10 Antworten

  1. Herrlich dieser Artikel . Das lässt mich gleich fantasieren – der Chief Constructor of Conspiracy. BiBo kannte zu meinen Zeiten keiner – und LiBo schon gar nicht (Big Boss/ Little Boss). Nun CCC oder CCoC und noch besser See Cock. Mein US Boss hieß Huhn im Nachnamen und Tom davor. Wirklich. Dann war er nur noch Chicken Tom. Aber immer noch CEO. Desaströs das mit dem Chicken Tom. Aber SeeCock als Kürzel der Funktionsbeschreibung – einfach überirdisch. Da kommt auch MoD (Master of Desaster nicht mehr mit.

  2. Der Beitrag ist und tut so gut.
    Herzlichen Dank dafür.
    Ja, Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen.
    Diese Duzerei und Ausbreitung der privaten Befindlichkeiten und der Dauereingriff in die eigenen privaten Dinge gehen mir so gegen den Strich, dass ich mich am allerliebsten nur noch im privaten Haus und Garten aufhalte.
    Belanglosen Gesprächen und oberflächlichen Menschen möchte ich nicht mehr meine kostbare Zeit schenken.

  3. unglaublich herz-und hirnerfrischend diese,ihre Kolumne Herr LöckeIncl. der Kommentare‼️

    es beruhigt mich zumindest ein wenig,dass offenkundig immer noch Menschen in größerer Zahl unterwegs sind,die sich das
    „Selbstdenken“ noch nicht,bequemerweise,
    abgewöhnt haben‼️

    die Hoffnung ist ein ziemlich duldsam Wesen‼️

  4. …”Privatier” ist nebenbei auch jemand, der gefeuert wurde, weil nichts oder noch weniger gekonnt und sich umsehen muß nach neuer Aufgabe ohne den ruinierten Ruf zur Schau zu stellen…den meisten Mittdreißigern ist nicht klar, daß die gebratenen Tauben aktuell etwas höher fliegen…

  5. Herr Löcke
    Danke für Ihre Ausführungen, es ist in etwa wie ich fühle, wunderbar beschrieben!
    Renata will meer haben zum drin baden

  6. OOH Herr Löcke, ganz ähnliche Gedanken gehen mir so manches mal durch den Kopf! Privatier hört sich natürlich gut an, so man es denn sein kann. Ich musste vorhin richtig grinsen. Ich habe mal einen Job gemacht für eine Münchner bzw. Italienische Feinstpapierbude die eine Niederlassung in Unterhaching hat/hatte… Kurz gesagt ich war Gebietspromoterin für den Osten. Auf meiner Visitenkarte stand “Senior Product Consultant”, ich fand das damals richtig Scheiße. Nicht den Job, die Visitenkarte. Eigentlich war ich doch nur Klinkenputzerin für Werbeagenturen, Grafikdesigner, Druckereien und Produktionern, denen ich meine feinen Druckpapiere schmackhaft machen wollte. Aber so kann man etwas darstellen. Naja wie dem auch sei. Heutzutage bin ich im Krankenstand. Auf meiner letzten Visitenkarte steht Verkaufsberaterin im Außendienst, das versteht dann doch noch jeder der einigermaßen bei Trost ist.
    Aber nochmal den Schwenk zum Privatier. Haben wir uns denn nicht alle schon so zurückgezogen das man generell davon reden könnte? Ich schare mittlerweile nur noch einen kleinen Kreis Vertrauter Menschen um mich, einiges hat Corona zerrüttet, aber ich frage mich manchmal mit wem ich da befreundet war. Und mittlerweile stelle ich auch fest, das selbst die Überzeugtesten das ja Vater Staat alles gut mit uns meine, so langsam ins Grübeln geraten. Sehr zu meiner Erbauung. Die Menschen müssen von selbst drauf kommen. Ich würde mich auch nicht frohlockend hinstellen und sagen siehste, siehste hab ich Dir ja gleich gesagt.
    Für den Fall das mich jemand heimsucht und mir dusselige Fragen stellt, habe ich wohlgemerkt immer noch die Keule an der Wand. Sollte sie jemals zum Einsatz kommen, dann ist sowieso schon alles verloren, soll heißen es gäbe dann nichts mehr wofür ich noch kämpfen würde. Man wird sehen wie weit sie es noch treiben. Also ehrlich so beschissen war es nicht einmal in der DDR. Gegen das was man sich hier so an Doofheit reinziehen muss. Da waren Honecker, Mielke und Co. eigentlich nur Straßenganoven. Emilia Fester fordet Wahlrecht für 2 -Jährige…. Nur ein Beispiel… Noch ist es ruhig auf dem platten Land, noch gibt es Wasser, Strom und genug zu Essen. Aber wer weiß wie man sich wehrt wenn dem nicht mehr so ist.

    1. Sehr schön auf den Punkt gebracht: „Die Menschen müssen von selbst drauf kommen“! Mir als aufgeschrecktem Willy-Brandt-Wessi war das die erschreckendste und zugleich wichtigste Erkenntnis der letzten Jahre: Die Menschen müssen sich die Demokratie verdienen, sonst haben sie sie nicht verdient. Die Ossis bzw. die, die 1989 rebellierten, hatten sie sich eigentlich verdient und müssten ganz schön frustirert sein, aber vielleicht nicht so erschrocken wie ich. Überall sind Fassaden, schön erkennbar in der Sprache. „Solidarität“ … „Senior Product Klinkenputzer:in“ … „Nichts kommt von selbst“ sagte Willy im hohen Alter. Recht hatte er.

    2. Auch mir ging das so. Da hieß das nur “Senior Communication Officer”. Aber wenn dann der richtige Senior in der Tür stand und seine Lobeshyhmnen absonderte – dass die Firma ohne mich nicht überleben könne – hab ich mit meinem Röntgenblick den gezückten Dolch hinter seinem Rücken gesehen. Zwei Jahre spüäter war ich dann tot. Erkenntnis: Traue nie einem amerikanischen Geschäftsmann/Politiker oder seinen Vasallen-Adepten.

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