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Vom Saulus zum Paulus

von Peter Löcke //

Reichelt, Poschardt, Berndt. Vom Saulus zum Paulus?

Saulus ist streng gläubiger Jude. Radikal in seinen Ansichten verfolgt er Anhänger Jesu, weil er das Christentum für eine Sekte hält. Eines Tages trifft ihn auf dem Weg nach Damaskus ein Lichtblitz. Saulus stürzt vom Pferd und in einer Vision erzählt ihm ein Fremder von den Worten und Taten des auferstandenen Christus. Das verändert das Leben des Saulus. Er lässt sich taufen. Aus dem Kämpfer gegen das Christentum wird ein christlicher Missionar. Aus Saulus wird Paulus.
Die Redewendung „vom Saulus zum Paulus werden“ steht bis heute für Menschen, die ihre Werte, Ansichten und Lebensweisen urplötzlich ändern. Das muss nicht automatisch etwas Schlechtes bedeuten, dennoch wird die Redewendung zumeist als Vorwurf verwendet. Wer vom Saulus zum Paulus wird, gilt nicht selten als Heuchler, als Pharisäer. Trifft das auch auf drei Prominente der Medienbranche zu?
Bei Julian Reichelt, Ulf Poschardt und Benjamin Berndt („Ben Unscripted“) handelt es sich um streitbare wie umstrittene journalistische Stars mit enormer Reichweite. Sie werden gleichermaßen verehrt wie verteufelt. Verteufelt werden sie nicht nur vom links-woken Establishment. Angegriffen werden sie auch aus dem alternativen Medienbereich. Warum? Das Prädikat „meinungsstark“ ist ein Gütesiegel, das Prädikat „meinungsflexibel“ stellt eine vernichtende Kritik dar. Wie viel Saulus und wie viel Paulus stecken in Julian Reichelt, Ulf Poschardt und Benjamin Berndt?

Julian Reichelt, ehemaliger Chefredakteur der BILD, ist heute das prominenteste Gesicht von „Nius“, jenem Portal, das von Leitmedien mindestens das Negativ-Etikett „rechtspopulistisch“ erhält. Wie beschreibt sich Reichelt selbst?
„Das war Achtung, Reichelt! – der härteste Gegner von Scheinheiligkeit, Propaganda und Heuchelei in der Politik.“
Mit dieser Selbstbeweihräucherung endet jede seiner Sendungen. Julian Reichelt muss sich die Kritik gefallen lassen, selbst scheinheilig zu sein. Der heute große Kritiker der Migrationspolitik war Teil von Springers „Refugees-Welcome“-Kampagne aus dem Jahr 2015. Der heute impfskeptische wie maßnahmenkritische Reichelt war 2021 – immer noch für Springer arbeitend – Teil der Impfkampagne.
Nun ist es absolut legitim, seine Meinung, ja sogar seinen Glauben oder sein Weltbild um 180 Grad zu ändern. Nur sollte das glaubwürdig, ehrlich und ohne Amnesie und Geschichtsklitterung passieren. Reichelt wurde zum Paulus mit erheblichen Gedächtnislücken, dass ein Saulus jemals existierte.

Ulf Poschardt arbeitet im Gegensatz zu Reichelt immer noch für Springer. Obwohl Teil des Mainstreams gilt er als Rebell, der gleichzeitig diesen Mainstream-Journalismus kritisiert. Sehr kritisch sieht Poschardt auch das satte, angepasste wie spießige Bürgertum, dem er gleich zwei Bücher widmete. Die Ablehnung ist bereits in den Titeln als erkennbar: Shitbürgertum (2025) & Bückbürgertum (2026).
„Das Bürgertum hat ein freieres Land entworfen. Die Politik sollte dem folgen (…) Das deutsche Bürgertum, linksliberales wie neokonservatives, grünes, gelbes, schwarzes, rotes, versteht das Scheitern des Staates als Chance.“
Diese Sätze stammen aus einem Kommentar von Ulf Poschardt von 2015. Einst bejubelte er das Bürgertum. Heuchelei? Ansichtssache. Mir mangelt es aber an Phantasie einen Journalisten rebellisch zu nennen, der einen ukrainischen Verdienstorden dafür erhielt, weil seine journalistische Arbeit zu Waffenlieferungen beigetragen habe.
Mich persönlich erinnert Ulf Poschardt an ein Phänomen aus der Musikbranche der 1980er Jahre, den Independent Rock, kurz Indie-Rock. Um finanziell, aber auch in ihrer Kreativität unabhängiger zu sein, gründeten vor allem Punk-Bands eigene Labels und Verlage. Das war damals ein Gütesiegel, die Platten waren heiß begehrt. Bis diese kleinen Verlage von den großen Plattenfirmen aufgekauft wurden oder Sony-Music & Co eigenen „Indie-Rock“ anboten. Das wiederum war selbstverständlich ein Widerspruch in sich. Mit anderen Worten?
Ulf Poschardt ist Saulus & Paulus zugleich. Es ist nicht auszuschließen, dass er irgendwie eine Late Night Sendung im ZDF erhält, in welcher er den „scheiß Staatsfunk“ kritisieren darf.

Ben Berndt gründete sein Gesprächsformat „{ungeskriptet}“ im Mai 2022. Berndt hat mittlerweile über 1,2 Millionen Follower. Ich bin einer davon und möchte begründen, warum.Zu einem Teil ähnelt {ungeskriptet} dem Format „Jung & Naiv“ von Tilo Jung. Beide Talks sind in der Regel ungeschnitten, roh, sie dauern manchmal Stunden. Der große Unterschied liegt in der Gesprächsführung. Während Jung interveniert, einordnet, dazwischen grätscht, lässt Berndt die Menschen einfach reden. Er lässt auch Raum für Pausen, um nachzudenken. Jung gleicht einem Kommissar, der sein Gegenüber ins Kreuzverhör nimmt. Berndt gleicht einem Psychologen, der dafür sorgt, dass sich sein Gesprächspartner wohlwühlt. Man erfährt soviel mehr über den Charakter und die Gedankenwelt eines Menschen, wenn man ihn einfach reden lässt.
Nun wird Berndt nicht nur vom Mainstream genau dafür kritisiert und von den Landesmedienanstalten verfolgt. Es kommt auch Kritik aus der eigenen Bubble. Auch Benjamin Berndt war Befürworter der Impfung, weil er auf seinen Bekanntenkreis von Ärzten glaubte. Außerdem ist es heute relativ gefahrlos, Interviews mit kritischen Ärzten wie Dr. Michael Nehls zu führen. In der Welt von 2020 bis 2022 sah das anders aus.
Dennoch sehe ich einen Benjamin Berndt eher im „Team Saulus“. Er ist glaubhaft, was seinen Sinneswandel angeht.

Ein versöhnliches Fazit
Wer „Kollegen“ aus der gleichen Branche kritisiert, ihnen Heuchelei und Doppelmoral vorwirft, gerät schnell unter Verdacht, sich selbst erhöhen zu wollen. Nichts liegt mir ferner. Ich wurde oft genug im Leben vom Saulus zum Paulus, weil ich meine Meinung grundlegend änderte. Nur versuche ich damit ehrlich und transparent umzugehen.
Um im Sprachbild des Juden Saulus und des Christen Paulus zu bleiben – Julian Reichelt, Ulf Poschardt & Ben Berndt besitzen das Talent, sich in unterschiedlichen Blasen unbeliebt zu machen. Sie werden von Juden als Christ und von Christen als Jude beschimpft. Sich gleichzeitig bei verschiedensten Gruppen unbeliebt zu machen, halte ich für eine große journalistische Stärke. Und dafür braucht es Mut.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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8 Antworten

  1. Noch einmal Leute. Ihr glaubt an das billige Theater, das die Eliten Euch über die Medien vorspielen. Ihr glaubt, es gäbe eine Möglichkeit mit Trump, oder Weidel, oder Sigismund, das System zu kippen, mindestens gravierend zu ändern. Die gibt es nicht. Die Matrix hat alles unter Kontrolle. Ich weiß das ist desillusionierend in höchstem Maße. Sowohl die AfD als auch die MAGA Bewegung sind gemachte Projektionsflächen für Euren Protest. Und die Mehrzahl der Alternativen Medien sind die gesteuerten Platformen, um diesen Protest zu kanalisieren. Schaut Euch doch einmal an, wo diese Hoffnungsträger herkommen. Milliardäre, Unternehmesberater, Top Journalisten. Ja, ab und zu wird auch ein Medienclown Präsident, wenn es passt. Schauspielerei hilft schließlich bei der Inszenierung.

  2. gut sind alle drei (langemann sowieso durch darstellung und wortwahl), allein schon, weil sie gegen die momentanen „volksschädlinge“ (damit sind auch die ÖRR und lügenmedien gemeint) stehen. ich sehe sie vor allem so, dass es doch eine stimme des volkes gibt, die zu hören ist. eine steigerung wäre nur, wenn diese drei auch in den ÖRR gesendet werden würden. ein traum von mir.
    herzlichst
    -DR

  3. Anfangs. als ich nach Positionen jenseits des Mainstream suchte, war Reichelt einer der ersten die ich fand. Und ich fand den schrillen Bild-Ton abstoßend.Als ich Poschardt entdeckte fühlte ich mich vom „bürgerlichen Ton“ angesprochen aber von der seichten Unentschiedenheit, von dem – niemandem zu nahe treten wollen -, die ich als Feigheit wahrnahm, abgestoßen. Ben Berndt, habe ich es sehr spät entdeckt und ging auf Distanz zu der Kollektion „komischer Leute mit denen ich nie etwas zu tun haben wollte“ .
    Heute sehe ich, dass alle 3 einen überaus wichtigen Beitrag dafür leisten, in unserer (virtuellen) Gesellschaft Begegnungs-und Gedankenräume zur Ver- Fügung zu stellen, wo unterschiedlichste Milieus, dem Zusammentreffen oder auch Zusammenprallen, nicht mehr ausweichen. Jeder von uns war nicht immer Der der er gerne gewesen wäre. Und ich wünsche, dass es uns gelingt das verhängnisvolle zerstörerische Moralisieren aus der politischen Debatte zu verbannen.
    Alle Drei und LANNGEMANN mit seinem besonders eleganten Schliff, haben sich inzwischen große Verdienste erworben. Unsere Welt wäre arm, ohne diese Medien.

  4. Worum es wirklich geht, ist dem Protest eine kontrollierte Platform zu bieten. Die genannten Portale tun das Lehrbuchmässig. Dazu müssen Journalisten vorgeblich die Seiten wechseln. Tun sie jedoch nicht. Ist die AfD, mit der Unternehmensberaterin Weidel an der Spitze, nicht vielleicht auch nur eine gut kontrollierte Projektionsfläche für den Protest? Die man wie in Italien „Melonisieren“ kann, wenn die Zeit gekommen ist. Merke, in der Politik reicht es nicht, um eine Ecke zu denken. Es sollten schon zwei sein.

  5. Genauso ist es! Reichelt hat noch immer das BILD- Gen in sich. Erst einmal laut und aufrührerisch, mit guten Ansätzen und viel Detektivarbeit.
    Poschardt ist immer noch linksorientiert, er redet langsam, fast lallend und gibt sich damit den Anschein zielgerichtet das Thema zu behandeln. Ich kann ihm viele seiner Aussagen nicht abnehmen.
    Bei Ben kann ich mich mit einem großem Kaffee zurücklehnen und nur zuhören. Muss nicht wie Spitz pass auf da sitzen. Es ist ein Genuss, ein gutes Gespräch auf Augenhöhe (meistens jedenfalls). Ich glaube, die meisten Gesprächspartner geben mehr über sich preis als sie wollen. Das macht es spannend, informativ und manchmal auch brisant und oft auch sehr politisch. Ehrlicher, bester Podcast.

  6. Sehr geehrter Herr Löcke, Ihrer Kritik an Ulf Poschardt kann ich nicht folgen. Wenn Sie das Interwiew lesen, daß er gerade der „Jungen Freiheit“ gegeben hat, dann hat er da in de rihm eigenen Art auf seine Irrungen und Wirrungen gnaz offen hingewiesen. Ich kann das akzeptieren.
    Mit freundlichem Gruß
    Götz von Fallois

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