// Kommentar von Markus Langemann
Die Empörungskurve schlägt wieder aus. Dieses zuverlässig zuckende Seismogramm unserer öffentlichen Nervosität. Steil. Erwartbar. Fast schon vorschriftsmäßig. Es geht um Medien, um Journalisten, um Texte, um künstliche Intelligenz – und also, wie immer, wenn ein Werkzeug sichtbar wird, das zuvor nur heimlich benutzt wurde, um Moral.
Stephan-Andreas Casdorff war mal Herausgeber und davor Chefredakteur des Berliner „Tagesspiegels“. Zuletzt war er dort freier Redakteur; ein Mann also, dem die Freiheit nicht nur beruflich zugestanden wurde, sondern der sie sich, wenn man den Berichten folgt, auch in einem Umfang nahm, welcher der Redaktion dann doch zu groß wurde. Er ließ Texte mit KI generieren. Das Blatt trennte sich von ihm. Nun ist er, publizistisch gesprochen, vogelfrei.
Ähnlich wie Claas Relotius, der sich die Freiheit nahm, Texte für den Spiegel – immerhin – noch selbst zu erfinden.
Die gewollte Täuschung
Nachdem das „ZDF heute journal“ mit einem Beitrag über die US-Einwanderungsbehörde ICE versuchte, ein ungekennzeichnetes, KI-generiertes Video als echt zu verkaufen, nimmt also indessen auch in der „gedruckten“ Welt die gewollte Täuschung Fahrt auf.
Mario Voigt ist Ministerpräsident in Thüringen. Nun soll er eine Neujahrsansprache, eine Trauerrede für einen Amtsvorgänger, Gastbeiträge für Mainstreammedien und sogar eine Rede zum Holocaust-Gedenktag vom Algorithmus denken lassen.
Karsten Wildberger, ehemaliger Geschäftsführer beim Mutterkonzern von MediaMarkt und Saturn, ist seit einem Jahr Bundesdigitalminister. Der erste Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung. Jüngst machte er Schlagzeilen, weil er wohl konsequenterweise seinem Amt folgend, die Reden im Bundestag, Gastbeiträge im Handelsblatt und in der FAS angeblich weitgehend von einer künstlichen Intelligenz hat erstellen lassen.
Nun, ich will mich nicht in die lange Reihe der Echauffierten eingliedern, was erwartbar wäre von einem Kolumnisten. Gestatten Sie mir also keine Empörung, sondern eine Einordnung.
Das Ansehen der Berufsgruppe der Journalisten rangiert nach einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2025 ohnehin weit abgeschlagen nach Müllmännern, Richtern und Technikern. Diese haben nach Meinung vieler mehr Bodenhaftung durch Wegräumen, Entscheiden oder Reparieren.
Der schreibende und funkende Nachwuchs werkelt ohnehin längst am Prekariatsrand, auch ein Grund, warum Sie im Hörfunk bei kleineren Sendern nicht mehr sicher sein dürfen, nur echte Stimmen zu hören. Eher auch den digitalen Klon, statt das Menschliche.
Echter als Erdbeerjoghurt?
Da stellt sich mir die Frage: Warum erwartet man ausgerechnet von jenem Berufszweig eine Echtheit, die man nicht mal von den Fabrikanten von Erdbeerjoghurt erwartet? Deren Aroma stammt zumeist auch aus dem Chemielabor. Und nur Hollywood-Solitäre wie Tom Cruise stunteten sich selbst, der Rest betrügt den Zuschauer mit einem Stuntdouble.
Auch Milli Vanilli haben nur so getan, als ob sie das könnten, was man glaubte zu hören. Ein Prinzip, das man aus der Politik schon lange kennt. Sie sprechen Reden, die andere für sie erdacht haben. Albrecht Müller, Mitherausgeber bei den „NachDenkSeiten“, machte es damals für den Wirtschaftsminister Karl Schiller. Dieter Bohlen, mehr Pop als Politik, ließ seinen Millionenseller „Nichts als die Wahrheit“ von Katja Kessler schreiben, einer Journalistin.
In der Republik der Auftragstexte ist Authentizität schon lange kein Zustand mehr, sondern eine Behauptung. Wenn also heute Texte von Journalisten nicht selbst verfasst werden, ist das nahezu erwartbar gewesen.
Das neue Informationsgold
Was bleibt, ist der Erkenntnisgewinn, dass künstliche Intelligenz zwar Sätze liefern kann, aber noch lange keinen eigenen Gedanken ersetzt. Ich bin überzeugt: Echte, also analoge humane Netzwerke werden das neue Informationsgold.
Menschen, die man mit eigenen Ohren und Augen sieht, wie sie ihre Gedanken formulieren, wie sie ihre Musik zu Gehör bringen. Mit allen imperfekten Zwischentönen, die das wahre Menschsein ausmachen.
Unmanipuliert, unoptimiert und nicht geglättet. Potenzielle Fehlbarkeit ist das künftige Prädikatsmerkmal. Handwerk hat gerade deshalb goldenen Boden, weil es uns künftig spüren lässt, dass wir uns von Humanoiden unterscheiden.
Dieser Artikel erschien zuerst in der EpochTimes. Langemann schreibt regelmäßig für die EpochTimes in der Kolumne Zeitzeichen.

2 Antworten
Vorweg: Die interessantesten Debatten der letzten Jahre über politische Themen habe ich mit der KI geführt. Und, wer es immer noch nicht begriffen hat, es geht, auch ab von vorgedachtem Mainstream Input! Es gilt für KI der Satz, der schon für das Internet galt: Für Dumme ist es ein Fluch. Für Intelligente ein Segen! Oder, stelle KI intelligente Fragen und du bekommst nirgends so intelligente Antworten. Was nun Journalisten angeht, deren Hauptproblem ist: Es gibt zu wenig unabhängige Journalisten. Das war schon immer so. Der Journalismus wohnt zu nahe an der Propaganda. Ki wird es einfacher machen, den Mainstreamsprech zu erzeugen und viele Journalisten arbeitslos machen. Aber, am Grundproblem ändert die KI nichts: Dass es zu wenig unabhängigen Journalismus gibt. Und dass die Massen gar keinen Maßstab haben, um Journalismus von Propaganda zu unterscheiden. Demokratie lebt einerseits von diesen Unvermögen. Weil, ohne wären die Massen nicht zu steuern. Und darum geht es. Andererseits ist es ihre grösste Achillesverse: Demokratische Politiker müssen ihre Wähler „belügen“, sonst werden sie abgewählt. Sagt die KI. Was heraus kommt ist das Ergebnis dieses Selbstbetrugs – ein Schlingerkurs ohne Gleichen.
Das Inhaltsrecycling KI-generierter Sätze dem echten „Informationsgold“ entgegen zu stellen, ist ein sehr schöner und hoffnungsvoller Gedanke. Allerdings haftet ihm der gleiche elitäre Charakter an, wie der schwärmerischen Erwartung des Gourmets auf das Chateau Briand im Sternelokal, dessen Genuss unvergleichlich über dem steht, was als Hackpattie im Burger steckt. Natürlich war das fast überall und wohl auch in jeder Hinsicht zu fast allen Zeiten so. Eine quasi naturgesetzliche Ordnung nach Rang und Vermögen, die den Zugang reguliert. Das hält eine Gesellschaft aus, um nicht zu sagen, das macht sie erst funktionsfähig.
Geht es um Information, tut sich jedoch ein Problem auf. Die Demokratie funktioniert nicht mehr, wenn sich immer weniger Wahlberechtigte die Nuggets des Informationsgoldes teilen, während die Masse mit einer KI-generierten und durch präzise Voreinstellungen manipulierten Informationssimulation im Kopf an die Urnen gerufen wird. Da sollte man sich ehrlich machen.
Vor fünfzig Jahren hatte ich die Süddeutsche, den Spiegel und die FAZ abonniert. Wohl wissend, welche Redaktion die Information in welches Mäntelchen hüllt. Abgesehen davon, dass von deren einstiger Qualität längst nichts mehr übrig ist – die KI wird wohl auch noch die letzten Unterschiede abschleifen.
Dann zeigt sich das eigentliche Haar in der Suppe: Es wird nie mehr herausragende Nachwuchs- Journalisten geben. Wo sollten sie einsteigen, woran sollten sie Erfahrungen sammeln, wer sollte ihnen ein attraktives Gehalt zahlen?