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Was weiß Olaf Scholz?

von Peter Löcke//

Die Anschläge auf die Nord Stream Pipelines.

Neben 9/11, neben den Anschlägen auf die Twin Towers im Jahr 2001, handelt es sich bei der Zerstörung der ehemaligen Hauptschlagader der deutschen Energieversorgung, um den spannendsten Kriminalfall des 21. Jahrhunderts. Der Fall gilt bis heute als unaufgeklärt. Das Interesse politischer wie medialer Kommissare zur Auflösung des Verbrechens beizutragen, hält sich in überschaubaren Grenzen. Zumindest in Deutschland. Also schaut man als interessierter Mensch über den Tellerrand und wird fündig bei Seymour Hersh.

Journalist Seymour Hersh

Am 26. September 2023, pünktlich zum einjährigen Jahrestag, publizierte die amerikanische Reporterlegende einen Aufsehen erregenden Artikel. Er trägt den selbsterklärenden Titel „A Year of Lying about Nord Stream“. Ein Jahr Lügen über Nord Stream. In den Quellen haben wir das englische Original [1] und hier die deutsche Übersetzung des Textes als Audio bereit gestellt. Der Text liest sich wie ein Thriller. Die Auflösung des Thrillers, das Fazit von Hersh, sei vorweggenommen.

„Die Biden-Administration hat die Pipelines in die Luft gejagt, aber die Aktion hatte wenig mit dem Gewinnen oder Beenden des Krieges in der Ukraine zu tun. Sie resultierte aus der Befürchtung im Weißen Haus, dass Deutschland wanken würde, den russischen Gashahn abzudrehen und dass Deutschland und dann die NATO aus wirtschaftlichen Gründen unter die Herrschaft Russlands und seiner umfangreichen und preiswerten natürlichen Ressourcen geraten würden. Und daraus resultierte die eigentliche Angst: dass Amerika seine langjährige Vormachtstellung in Westeuropa verlieren würde.“

Hersh rekonstruiert die Geschehnisse vor, während und nach der Zerstörung der Pipelines. Seine Analyse ist stichhaltig und plausibel. Viele seiner Zitate sind nachprüfbar. Es sind Aussagen von Außenminister Antony Blinken, seiner jetzigen Stellvertreterin und damaligen Unterstaatssekretärin für politische Angelegenheiten, Victoria Nuland, dem Nationalen Sicherheitsberater Jake Sullivan sowie US-Präsident Joe Biden. Victoria Nuland? Es ist jene Diplomatin, die bereits 2014 über europäische Interessen äußerst undiplomatisch sagte: „Fuck the EU!“ [2]

Außerdem zitiert Hersh eine anonyme Quelle, einen Informanten. Das brachte den Pulitzerpreisträger im vergangenen Jahr ins Fadenkreuz der Faktenchecker. Seine Behauptungen, so amerikanische wie deutsche Leitmedien, seien so nicht zu verifizieren. Wohlwissend, dass ihn diese Kritik erneut erwartet, verspottet der beim Mainstream in Ungnade gefallene Pulitzerpreisträger seine Angreifer im Text vorausschauend.

„Ich muss hier anmerken, dass ich in meiner Karriere buchstäblich Dutzende von Preise für Geschichten in der New York Times und dem New Yorker gewonnen habe, die sich auf keine einzige namentlich genannte Quelle stützten.“

Nach der Lektüre des Hersh-Krimis hat man als Leser zwei Möglichkeiten. Man verbannt den Artikel oder Teile davon ins Reich der Spekulation und Fiktion. Man hält das Fazit, dass die USA für die Anschläge verantwortlich sind, für schier unglaublich. Man schenkt ARD-Faktenckern, t-online, Correctiv und Co Glauben. Das ist legitim.

Oder man hält den Krimi des Seymour Hersh für Realität. Sollte das der Fall sein, eröffnen sich weitere Fragen, die Hersh nur am Rande und vage beantwortet. Zitat: 

„Der deutsche Regierungschef galt damals – und gilt auch heute noch – bei einigen Mitgliedern des CIA-Teams als voll im Bilde über die geheimen Pläne zur Zerstörung der Pipelines.“

Was wusste Deutschland, was Olaf Scholz? War der deutsche Kanzler in die amerikanischen Pläne eingeweiht wie Hersh behauptet? Und falls ja – hatte Scholz überhaupt die Möglichkeit, der Weltmacht USA zu widersprechen? Konnte sich Deutschland anders entscheiden? Bitte merken Sie sich diese Frage. Konnte sich Deutschland gegen die Sprengung der Pipelines entscheiden?

Das liegt im Bereich der Spekulation. Es ist nicht zu belegen, ob der deutsche Regierungschef, wie Hersh es laut CIA-Quellen behauptet, „voll im Bilde“ war. Belegbar ist allerdings ein anderer Satz. Diese Spur des Kriminalfalls führt in die Vergangenheit. 

Ein Rückblick auf den 7. Februar 2022, kurz vor Ausbruch des Krieges. Der deutsche Kanzler weilt zu Antrittsbesuch in Washington. Anschließend halten Olaf Scholz und der amerikanische Präsident eine gemeinsame Pressekonferenz ab. Die deutsche Simultanübersetzung [3] dieser PK sowie das Video im englischen Original [4] sind auf einer als seriös geltenden Quelle zu finden. Dem Internetauftritt der deutschen Bundesregierung. Im Nachgang der Pressekonferenz wurde viel über eine Biden-Aussage diskutiert. Sie fiel am Ende der Pressekonferenz und sorgte damals für ungläubiges Nachfragen bei amerikanischen Journalisten. Zitat Biden: 

„Wenn Russland zum Beispiel mit Panzern und Truppen die Grenze zur Ukraine überquert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben.“

Wenig mediale Beachtung fand der Anfang der Pressekonferenz. Das ist aus journalistischer Sicht verständlich. Hier fallen freundliche Begrüßungsworte. Es sind zu erwartende Höflichkeitsfloskeln wie bei jedem Treffen zweier befreundeter Staatsmänner. So auch hier. Biden bedankt sich bei Scholz. Biden betont die regelbasierte Weltordnung, die Partnerschaft, die gemeinsamen Werte, die Geschlossenheit, die Solidarität gegen den gemeinsamen Feind Russland.

Und mittendrin taucht dieser eine Satz auf, der so gar nicht in die höfliche Begrüßung des amerikanischen Präsidenten hineinpasst. Er wirkt deplatziert, weil er wie eine unverhohlene Drohung wirkt.  Der Satz geht im sonoren Tonfall des US-Präsidenten unter. Haben Sie sich die Frage gemerkt? Joe Biden sagte am 7. Februar 2022 folgendes:

„Aber wenn sich Deutschland anders entscheidet, dann sind wir bereit.“

Redaktioneller Hinweis / Korrektur
Der Artikel schließt mit einem Biden-Zitat, das so nicht gefallen ist.

Hintergrund
Als vermeintlich seriöse Quellen (3 & 4) diente der Internetauftritt der deutschen Bundesregierung (Transkript und Audio/Video). Dort ist das falsche und von mir übernommene Zitat zwei Mal textlich und als Untertitel zu finden. Leider ist Bidens Stimme im Video nicht akustisch zu hören.

Richtigstellung
Ein aufmerksamer Leser hat das getan, was ich als Autor dieses Artikels hätte tun müssen. Die vermeintlich seriöse Quelle nochmals überprüfen! Im englischen Original sagte Joe Biden tatsächlich folgendes:
“But if Russia makes a choice to further invade ukraine we are jointly ready and all of NATO is ready.”
(“Sollte Russland sich jedoch entschließen, weiter in die Ukraine einzumarschieren, sind wir gemeinsam bereit, und die gesamte NATO ist bereit.”)
Siehe https://youtu.be/15XFSRhENk8?t=1848

Fazit
Der Biden-Satz wirkt wirklich deplatziert. Nur ist der Grund dafür simpel. Der Satz ist so nicht gefallen/die Simultanübersetzerin hat Biden falsch übersetzt.
Danke dem aufmerksamen Leser.

Peter Löcke, Autor des Artikels

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8 Antworten

  1. Man sollte sich die Videos von WT 7 ansehen, danach sollte dem letzten Kritiker klar sein, dass es fachmännisch gesprengt wurde – absolut perfekt. Meines Wissens ist noch nie ein Stahlskelett-Gebäude durch ein Feuer zum Einsturz gekommen, insbesondere wenn man bedenkt, dass es eine sehr fette Verbrennung war, die Flammen hatten eine Farbe zwischen orange und rot d.h. eine relativ kalte Verbrennung mit viel schwarzem Rauch.

  2. Wenn mir jemand tatsächlich glaubhaft machen will, das man mit einer chemischen Reaktion aus Kerosin, Sauerstoff und Büromöbel,
    einen Wolkenkratzer aus inneren und äußeren Kastenprofilen, die aus 6cm dicken Stahlplatten bestehen, nicht nur zum Einsturz bringen kann, sondern diese Stahlträger wie durch Zauberhand in weißes Pulver verwandelt, der muss entweder besonders dumm oder besonders frech sein.
    Wer glaubt, daß diese Stahlträger durch die Flügel eines Flugzeuges, die aus eine Legierung von Aluminium, Magnesium und etwas Titan bestehen,
    wie mit einem Messer glatt durchschnitten werden können, ohne auch noch die Ränder zu verbiegen, der hat nie einen Physikunterricht besucht und hat höchstens gelernt seinen Namen zu tanzen.
    Und da das nicht die einzigen Lügen dieser Bande von ausgewandertem Schaum und Massenmördern (nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer)
    neige ich dazu fast alles was von diesen Leuten kommt, ins Reich der Märchen und Sagen einzuordnen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werde ich dann auch beim Thema Nord Stream richtig liegen.

  3. Als ich die Nachricht von der Sprengung hörte, wurde mir ganz flau. Ein direkter Angriff auf Westeuropa verübt von wem? Ein kriegerischer Akt oder ein Terrorangriff? Wenn Seymour Hersch richtig recherchiert hat und es tatsächliche eine Geheimdienstoperation der USA und Norwegens war, ist es nach meinem Rechtsverständnis kein Terrorakt. Ich bin mir sicher, dass es von den Parlamenten der USA und Norwegens niemals eine Zustimmung zu einem kriegerischen Akt gegen ein NATO Mitglied gegeben hätte und dieser Angriff insofern illegal war. Die Folge ist eine weitere Erosion des ursprünglichen gegenseitigen Vertrauens innerhalb des Verteidigungsbündnisses, die in letzter Konsequenz zu einem Austritt Deutschlands oder einer defacto Auflösung der NATO führen könnte. Dadurch würde Europa kein sicherer Ort werden. Ich sehe eine wichtige Funktion der NATO darin, dass auch unter den Verbündeten Frieden gehalten wird – man denke nur an den Dauerkonflikt zwischen Griechenland und der Türkei. Die EU hat eine ähnliche Aufgabe. Leider haben viele maßgebliche Politikfunktionäre diesen wichtigen Aspekt in der jüngeren Vergangenheit, warum auch immer, vergessen.

  4. “Konnte sich Deutschland anders entscheiden?” – ist das nicht die leidig-klassische Frage, wie souverän die BRD tatsächlich ist? Trotz 2+4-Vertrag, doch immer noch bestehendes Besatzungsstatut ja oder nein? Die einen sagen so, die anderen so.

    Die Sprengung von NordStream 2 und das “Schauspiel”(?) Biden/Schröder im Weißen Haus legen jedenfalls nahe: de facto ist es, wie es ist …

  5. Gehen wir die Sache doch einmal nach den Regeln der Logik durch.

    Die USA haben ihr Interesse an der Zerstörung der Pipelines vor und nach dem 26. September 2022 mehrmals bekundet.

    Die Urheber des Anschlags mussten umfangreiche Planungen vornehmen, da eine ganze Reihe hoher technischer Hürden zu überwinden war. Wer so etwas in Angriff nimmt, plant im Voraus selbstverständlich auch die Vertuschung seiner Täterschaft. Dazu ist die Vortäuschung einer Täterschaft Dritter notwendig, da klar ist, dass die Öffentlichkeit Informationen bekommen möchte, wer dahinter stecken könnte.

    Die Andromeda-Story liefert in Abhängigkeit ihrer Echtheit indirekt einen Hinweis zur Täterschaft. Zwei Möglichkeiten gibt es:

    Ist die Story wahr, war es die Besatzung des Segelbootes.

    Ist sie hingegen falsch, hatten ihre Fälscher das Motiv, die wahren Täter unentdeckt zu lassen. Das Motiv, mit einer erfundenen Story einfach nur Geld zu verdienen, kann man getrost beiseite lassen, denn es handelt sich nicht um eine frei erfundene Geschichte, sondern um eine gezielt vorbereitete. Es war schlechterdings notwendig, im Zusammenhang mit den Anschlägen auch sie vorzubereiten.

    Die Täterschaft der Segelbootbesatzung scheitert an der Unüberwindbarkeit technischer Hürden, folglich ist die Geschichte falsch. Es dürfte sich bei der Besatzung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um beauftragte Akteure handeln. Gutachten, die eine Machbarkeit des Anschlags vom Segelboot aus nahelegen, können nicht überzeugen. Angebracht wäre eine kriminalistische Rekonstruktion des Ablaufs, welche nicht einmal mit besonderen Aufwänden verbunden wäre. Aus guten Gründen geschieht diesbezüglich nichts.

    1. Nun ich habe Taucherfahrung bis auf 50 Meter. Nur Hobby. Es gibt 10.000nde von Taucher die besser und erfahrener sind. Die Pipeline liegt bei 70 Meter Tiefe. Ein Klacks sie zu erreichen – wenn man die entsprechende Ausrüstung hat. Das könnte auch jeder Höhlentaucher und jeder Berufstaucher. Fehlt nur noch eine Sprengladung. Die bekommt man von jedem Geheimdienst via Militär. Das schwierigste wäre die exakte Position zu finden. Da kenne ich mich nicht aus. Aber natürlich kann man per GPS, Unterwasserkameras und Bodenabtastgeräte die Pipelines exakt finden. Für ein paar € kann man in jedem Angelladen sogenannte Fischfinder erstehen. die jeden Hecht, Zander oder Aal exakt finden. Warum sollte es keine Geräte geben, die das bei Pipelines können. Man findet ja auch Kanonen und Wracks in größerer Tiefe. Das alles ist ziemlich easy mit entsprechendem Geld. Die Leute auf dem Segelboot wären durchaus in der Lage gewesen entsprechende Sprengladungen anzubringen. Interessant ist der Name des Auftraggebers und möglicher Mittelsmänner. Polen, die baltischen Staaten, Ukraine und UK sind denkbar.

      1. Es geht mir nicht darum, ob eine Sprengung der Pipelines von einem Segelboot wie der Andromeda unter minimalen Bedingungen realisierbar wäre oder nicht. Es geht mir ausschließlich um Qualität und Quantität der Sprengungen, die tatsächlich durchgeführt wurden. Vielleicht schreibe ich manchmal zu komprimiert, da ich den Kommentarbereich nicht überlasten möchte.

        Bei einer kriminalistischen Rekonstruktion der Tatvorbereitungen wäre streng darauf zu achten, dass das Gewicht der Sprengsätze in einem realistischen Verhältnis zu den verursachten Schäden steht. Bei den Zerstörungen, die jetzt schon bekannt sind, kann es sich nicht nur um ein paar Tonnen Sprengstoff gehandelt haben. Sehen Sie dazu unbedingt ein Video von Dirk Pohlmann, der vom UN-Sicherheitsrat in dieser Sache angehört wurde:

        https://www.bitchute.com/video/tMPge7HV8oEG/

  6. Zum Vergleich mit 9/11 drängt sich noch eine weitere Frage auf: wie lange hatte es damals gedauert, bis die Täter jenes Anschlags ermittelt wurden?!
    Und wie und wo erhalten oder erhielten wir Unterstützung von unserem großen Bündnispartner bei der Aufklärung des Anschlags auf unsere Infrastruktur?
    Auch die Recherchen des sonst von mir geschätzten Magazins “Frontal21” liefern nix Substantielles: abwechselnd kommen verschiedene Meinungen (um nicht zu sagen: Verschwörungstheorien) 😉 zur Sprache, und der Bericht über die mysteriöse Reise der Segelyacht “Andromeda” gehört für mich eher in die Kategorie Räuberpistole. Denn jeder Mensch mit Yacht-Erfahrung weiß: Boote dieser Größe sind (auch unter Motor) recht langsam und das Risiko einer zufälligen Kontrolle wäre viel zu hoch.
    So dürfen wir weiter gespannt bleiben, wann wir endlich die Wahrheit darüber erfahren.

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