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Wenn der Basar zur Bühne wird: Deutschland am Rande von Volksaufständen?

von Peter Löcke //

Kann Deutschland Volksaufstand? Geht es in der Ampel zu wie auf einem türkischen Basar? 

Diese zugegeben plakativen Fragen auf BILD-Niveau stellen sich viele Menschen nach der großen Bauerndemonstration in Berlin. Glaubt man Joachim Rukwied, dem Präsidenten des deutschen Bauernverbandes, wird es für den Fall, dass sich die Politik nicht auf die Bauern zu bewege, ab 8. Januar deutschlandweite Proteste geben. Proteste, wie sie es „das Land noch nicht gesehen hat“. Doch zurück zu den reißerischen Eingangsfragen. Um diese zu beantworten, ziehe ich drei Personen zu Rate. Ayse, Cem und Annalena. Die beiden Politiker Özdemir und Baerbock werden Sie kennen, die dritte Person möchte ich Ihnen vorstellen.

Ayse ist die für alles zuständige gute Seele des türkischen Supermarktes, in welchem ich regelmäßig einkaufe. Dafür gibt es viele Gründe. Hier gibt es eine große Auswahl an frischem Obst und Gemüse, vieles davon direkt von heimischen Bauern. Hier finde ich außerdem Gewürze in Eimern statt in homöopathischen Dosen. Der wichtigste Grund ist das südländische Temperament von Ayse. Sie ist an schlechten Tagen besser drauf als ich an guten. Manchmal feilschen wir an der Kasse um den Preis des Spitzkohls, manchmal darf ich anschreiben und erst am nächsten Tag bezahlen. Es ist laut, es ist chaotisch, es geht zu wie auf einem türkischen Basar und ich gestehe – ich liebe es.

Was ich liebe, wurde Cem Özdemir auf der Bühne zum Vorwurf gemacht. Bei seinen öffentlichen Aussagen fühle man sich wie auf einem türkischen Basar. So der Funktionär Claus Hochrein vom Verband „Landwirtschaft verbindet Deutschland“. Der sichtlich angefasste Agrarminister antwortete darauf „Man kann gerne über türkischen Basar reden, ich hab die Botschaft schon sehr gut verstanden.“ Özdemir und Teile der Medien vermuteten eine nach Rassismus riechende Aussage, die auf die Herkunft des Ministers anspielte. Dem möchte ich widersprechen. Kritisiert wurde das Chaos innerhalb der Ampel. Dafür steht die Metapher. Niemand könnte deutscher sein als der fließend schwäbisch sprechende Cem Özdemir. Genau das ist das Problem. Ich erinnere mich an eine Reaktion von Özdemir auf einen kritischen Bürger. Als ein Passant im Sommer 2020 ein Interview störte und von einer Polizeidiktatur sprach, wies Özdemir den Bürger mit folgenden Worten zurecht: (1)

„Halten Sie bitte die Fresse. Danke. Ich rede gerade. Wir sind hier in Deutschland. Bitte Maul halten. Danke.“

Deutscher geht es nicht. So redet mein Hausmeister mit mir, wenn ich vergessen habe, die Flurwoche zu machen. So redet der Wutbürger in einem deutschen Supermarkt mit mir, wenn ich vergessen habe, zwischen seinem und meinem Einkauf einen Trennstab zu legen. Dann probt der typische Deutsche den Aufstand und nicht, wenn ihm die Grundrechte entzogen werden. Wann noch? Wenn es ihm empfindlich ans eigene Portemonnaie geht und genau das wird 2024 passieren. Es wird flächendeckend passieren – nicht nur bei den Bauern. Wird es Volksaufstände geben, wie es sie Deutschland noch nicht gesehen hat?

 

Die Frage ist schwer zu beantworten. Deutschlands Leitkultur ist vor allem eine Leidkultur. Der typische Deutsche ist solange leidensfähig, bis es ihm im Geldbeutel weh tut. Das weiß auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock. Der deutschen Außenministerin kann man vieles vorwerfen. Ihr ist es egal, was die eigenen Wähler denken. Sie erklärt aus Versehen Russland den Krieg. Solche Aussagen mögen dumm, naiv und gefährlich sein. Solche Aussagen stressen PR-Abteilungen und Faktenchecker, um den entstandenen Schaden zu minimieren. Eines jedoch kann man ihr nicht vorwerfen. Dass Sie unehrlich sei.

Betrunkene und kleine Kinder sagen die Wahrheit.

Die Mutter aller Redensarten stimmt. Hier spricht ein kleines Kind auf dem Trampolin der Geopolitik ihre kindlich naive Wahrheit aus. Der Ampel ist es in der Tat egal, was die eigenen Wähler denken. Und selbstverständlich führt Deutschland schon lange einen Krieg gegen Russland. Nur sind andere Politiker intelligent genug, das nicht öffentlich zu äußern. Baerbock sagte im Juli 2022 einen weiteren ehrlichen Satz, als es schlecht um die deutsche Energieversorgung stand.

 „(…) dann bekommen wir kein Gas mehr, und dann können wir überhaupt keine Unterstützung für die Ukraine mehr leisten, weil wir dann mit Volksaufständen beschäftigt sind.“ 

Wenn es in der Ampel weiter zugeht wie auf einem türkischen Basar wird es zu Volksaufständen kommen. Diese Befürchtung teile ich mit der deutschen Außenministerin. Was Ayse wohl sagen würde? Ayse heißt übrigens nicht wirklich Ayse. Ich nenne Sie nur so, weil der Name übersetzt „lebensfroh“ bedeutet. Was würde Ayse sagen, wenn das Sortiment an Obst und Gemüse immer kleiner wird, die Preise weiter ansteigen und Cem Özdemir den türkischen Supermarkt betritt? Sie würde dem Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft folgendes in fließendem Türkisch sagen: 

 „Halten Sie bitte die Fresse. Danke. Ich rede gerade. Wir sind hier immer noch in meinem türkischen Basar. Bitte Maul halten. Danke.“

 

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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5 Antworten

  1. Ich frage mich, ob die Mitglieder, die Parteibasen der etablierten Parteien, merken, dass ihre Parteifunktionäre die Wähler mit aller Inbrunst und großer Effizienz zur AfD treiben. Die kleinen Leute fühlen sich in die Enge getrieben und tun das, was sie eigentlich nicht wollen, sie wählen die AfD und machen sie damit zur Volkspartei. Sind diese Ideologen in den Parteiführungen überhaupt authentisch oder werden sie von einem kleinen Kreis innerhalb ihrer Blase manipuliert sozusagen am Nasenring durch die politische Arena geführt? Anfällig wären die meisten – man stelle sich nur die geballte Kompetenz in Regierung und Parlament vor.
    Vielleicht ist das ja der Grund dafür, dass genau diese Menschen diese Ämter bekleiden. Ihr Ansehen haben sie weitgehend verloren, wer sagt noch, in Parlament und Regierung geht es noch mit rechten Dingen zu? Haben sich nicht eher weite Teile der Bevölkerung mir der allgegenwärtigen Unfähigkeit und Bestechlichkeit abgefunden? Ich sehe darin einen Zersetzungsprozess unserer gesellschaftlichen Ordnung, der mir den langfristigen kulturellen Niedergang Deutschlands wahrscheinlich erscheinen lässt.

  2. Wir sind eine Gemeinschaft, eine Bürgergemeinschaft und jeder muss am Ende auch die Fehler, der anderen mittragen… Was nützt da ein Bürgeraufstand?
    Aus meiner Lebenserfahrung heraus wollen Leute, die eine bestimmte innere Vorstellung verfolgen, auf gar keinen Fall über Mängel / Fehler in ihrer Überzeugung aufmerksam gemacht werden. Sie halten sich dann die Ohren zu und wollen nichts Anderes wissen. Also die Mühe kann ich mir sparen.

    Viel wichtiger für mich ist, wie lassen sich Korrekturen (wenn auch später) vornehmen?
    Was sind meine Ziele für eine positive Zukunft?

    Nur “dagegen” zu sein, ist mir zu wenig Eigeninitiative.

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