//von Adrian von Ferenczy
Der Historiker David Engels* über wiederkehrende Muster, die Ohnmacht Europas und eine Zivilisation, die ihre eigenen Grundlagen aus dem Blick verliert
Wer Geschichte lediglich als Ablage vergangener Ereignisse begreift, wird mit David Engels wenig anfangen können. Der Historiker und Zivilisationsforscher betrachtet die Vergangenheit nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als Vergleichsraum für die Gegenwart. Im Gespräch mit Markus Langemann, dem Herausgeber des *Club der klaren Worte*, lautet die zentrale Frage deshalb nicht, was einmal war. Sie lautet: Was könnte als Nächstes geschehen?
Engels hat sich international vor allem mit seinem Vergleich zwischen dem heutigen Europa und der Endphase der Römischen Republik einen Namen gemacht. Die Grundzüge seiner Analyse legte er bereits vor mehr als einem Jahrzehnt vor – zu einem Zeitpunkt, als zahlreiche Konflikte, die heute den politischen Alltag bestimmen, noch nicht ihre gegenwärtige Schärfe erreicht hatten.
Im Interview widerspricht Engels der verbreiteten Vorstellung, historische Epochen seien grundsätzlich einzigartig und daher nicht miteinander vergleichbar. Wer weit genug aus den Einzelereignissen herauszoomt, erkenne wiederkehrende Strukturen in der Entwicklung großer Zivilisationen. „Ich bin überzeugt davon […], dass wir aus Geschichte tatsächlich lernen können“, sagt er. Geschichte liefere keine minutengenaue Vorhersage. Sie könne aber Mechanismen, Parallelen und mögliche Entwicklungskorridore sichtbar machen.
Besonders eindrücklich ist Engels’ Beschreibung des zivilisatorischen Niedergangs. Er denkt ihn nicht vorrangig als plötzliche Katastrophe, nicht als brennende Städte und einstürzende Ordnungen. Häufiger vollziehe sich der Verlust als „allmähliches Verlöschen aus sich selbst heraus“.
Am Anfang steht für Engels die Erschöpfung jener geistigen und kulturellen Kräfte, aus denen eine Hochkultur entstanden ist. Ihre Formen werden weitergereicht, ihre Institutionen bleiben zunächst bestehen, doch die Fähigkeit zur schöpferischen Erneuerung nimmt ab. Die äußere Fassade hält, während die innere Substanz schwindet. Eine solche Gesellschaft werde mit jeder weiteren Krise weniger widerstandsfähig.
Für das heutige Europa nennt Engels mehrere Symptome, die er auch aus anderen späten Zivilisationsphasen kennt: demografischen Niedergang, wirtschaftliche Schwächung, technokratische Herrschaftsformen, soziale Polarisierung und den Verlust traditioneller Bindungen. Seine These ist nicht, dass sich Geschichte identisch wiederholt. Sie besagt, dass sich vergleichbare Spannungen unter veränderten Bedingungen erneut bündeln können.
Langemann konfrontiert seinen Gesprächspartner auch mit den Grenzen der eigenen Prognose. Wo hat sich der Engels des Jahres 2012 geirrt? Welche Entwicklungen verliefen anders, welche schneller als erwartet?
Engels nennt vor allem einen Befund, der ihm große Sorge bereitet: die „Ohnmacht Europas“. Er habe lange gehofft, der Kontinent könne sich zu einem eigenständigen politischen, wirtschaftlichen und technologischen Pol entwickeln. Heute beurteilt er diese Möglichkeit deutlich skeptischer. Europas Abhängigkeiten seien gewachsen, seine Fähigkeit zur eigenständigen Gestaltung dagegen geschrumpft.
Noch mehr überrascht habe ihn das Ausmaß, in dem Europäer ihre eigene Geschichte, Identität und Zivilisation ablehnten. Kritik an historischen Verbrechen sei notwendig; etwas anderes sei jedoch die grundsätzliche Unfähigkeit, der eigenen Herkunft noch mit Sympathie, Interesse oder auch nur mit Kenntnis zu begegnen.
An diesem Punkt wird das Gespräch grundsätzlicher. Engels berichtet von Studenten, denen die europäische Geschichte beinahe so fremd erscheine wie die Geschichte einer weit entfernten Kultur. „Viele junge Menschen leben in ihrem eigenen Umfeld […] wie Fremde“, sagt er. Sie gingen durch Städte, Museen und Kirchen, ohne die kulturellen Zusammenhänge noch lesen zu können. Engels erinnert daran, dass bereits Cicero eine ähnliche Entfremdung der Römer von ihren eigenen Traditionen beklagt habe.
Die Parallele ist unbequem. Denn eine Gesellschaft, die ihre Herkunft nicht mehr kennt, verliert nach Engels nicht nur historische Orientierung. Sie verliert auch die Vorstellung davon, was sie bewahren, erneuern oder an die nächste Generation weitergeben will.
Welche Reformen daraus folgen müssten, wie Europa wieder zu größerer Selbstbestimmung gelangen könnte und welche Rolle technologische Umbrüche wie die Künstliche Intelligenz dabei spielen, ist zu diskutieren. In Wien.
Am 6. November wird diese Debatte bei B-SAFE26 in Wien fortgesetzt. David Engels eröffnet dort nicht nur historische Perspektiven, sondern stellt sich auch der Diskussion mit weiteren Rednern und den Teilnehmern. Wer wissen will, welche Konsequenzen aus seiner Diagnose folgen und ob Europas Weg tatsächlich bereits vorgezeichnet ist, wird im Palais Niederösterreich Gelegenheit haben, diese Fragen unmittelbar mit ihm zu erörtern.
*Am 6. November 2026 wird Prof. Dr. David Engels bei B-SAFE26 im Palais Niederösterreich in Wien als Speaker und Diskutant auftreten. Der Summit ist bewusst auf den persönlichen Austausch ausgerichtet: Die Teilnehmer erleben Engels nicht nur auf der Bühne, sondern haben auch Gelegenheit, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Eine Teilnahme ist weiterhin möglich; die Zahl der Plätze ist begrenzt.*

Eine Antwort
Alles richtig. Aber man darf nicht vergessen, dass Europa schon mehrfach „gekippt“ ist. Das Ende der europäischen Warmzeit um 1300, die kleine Eiszeit von 1300 bis 1800, die Pest um 1350, die Reformation und der Dreißigjährige Krieg 1618-1648, das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806, die beiden Weltkriege, die Hyperinflation um 1920 , etc. und das sind nur die großen Kippunkte. Es ist unabdingbar sich in der Geschichte auszukennen, damit man weiss, dass das was wir erleben, kein singuläres Ereignis ist. Aber, hinterm Horizont geht’s immer weiter … Mal wird’s besser, mal wird’s schlechter. Das Leben ist kein Zuckerschlecken.