Whistleblow

What about Whataboutism

von Peter Löcke //

Wir leben in einer Welt der Anglizismen. Das stört und nervt mich, aber es ist nun Mal, wie es ist. In vielen digital geführten Diskussionen begegnet mir der Anglizismus Whataboutism. Manchmal auch als Vorwurf.

Whataboutism ist eine manipulative, weil ausweichende Kommunikationstechnik. Es handelt sich um eine Methode, eine kritische Frage oder das Argument meines Gegenübers zu ignorieren. Wie? Indem ich einfach mit einer Gegenfrage reagiere, indem ich vom Thema ablenke und Nebenkriegsschauplätze erschaffe. Und vor allem, indem ich dreist die Rollen tausche. Indem ich also vom Angegriffenen zum Angreifer werde. Leider neigt jeder Mensch dazu. Auch ich, zumindest an schlechten Tagen. Vielleicht auch, weil ich spontan kein Gegenargument habe. Es ist ein Stück weit menschlich.

„Aber du! Was ich dir schon immer sagen wollte! Und überhaupt!“ 

Wer beim emotionalen Streit mit seinem Partner noch nie auf diese kindliche Art auf einen Vorwurf reagiert hat, möge vortreten. Oft ist Whataboutism ein unbewusster Beißreflex, wenn man kritisiert wird. Jede Talkshow, jede Bundespressekonferenz, jede Fragestunde im Bundestag, ist voller Whataboutism, voller Ablenkungsmanöver. Anders als im privaten Rahmen werden diese Ablenkungsmanöver in der Politik bewusst und gezielt eingesetzt. Es geschieht subtiler und rhetorisch geschickter.

Prolog: Am 18. März 2022 fand ein Lehrstück in Sachen Psychologie und Kommunikationstechniken statt. Ort der Aufführung war das Schauspielhaus Bundestag. In den Hauptrollen der AfD-Abgeordnete Stephan Brandner und Gesundheitsminister Karl Lauterbach von der SPD. In einer Nebenrolle die FDP-Abgeordnete Christine Aschenberg-Dugnus.

Der erste Akt: In seiner Rede bezeichnete Stephan Brandner Karl Lauterbach als Lügner und machte dies konkret an Beispielen fest. Er konfrontierte den Talkshow-König unter anderem mit seiner apokalyptischen Behauptung, dass bis März 2022 alle Menschen entweder geimpft, genesen oder gestorben seien. Er, Brandner, sei der lebende Gegenbeweis. Ich übrigens auch und mittlerweile ist es Mai. Alleine auf seiner Ministerbank, die Arme bockig verschränkt, sank Lauterbach immer mehr in sich zusammen. Fast wie ein Schüler, der während der Abitur-Klausur beim Pfuschen und Betrügen erwischt wurde. Wollte Brandner Lauterbach vorführen und lächerlich machen? Selbstverständlich.

Der zweite Akt: Bei Anne Will darf Karl Lauterbach verbal dazwischen grätschen, im Bundestag nicht. Er musste sich wohl oder übel anhören, wie ihm die Leviten gelesen wurden. Immerhin konnte Lauterbach im Anschluss darauf reagieren. Eine neue Regelung im Bundestag macht dies auch Kanzler wie Ministern möglich. Also stand Lauterbach zu Ende von Brandners Redezeit auf und ging, nein, er schlurfte zu einem Stand-Mikrophon im Plenum. Nun nicht mehr isoliert und mitten unter den seinen. Das macht psychologisch einen großen Unterschied aus. Die Kernbotschaft, die Essenz von Lauterbachs Reaktion auf den Brandner-Vorwurf: 

„Wir Demokraten lassen uns nicht als Lügner bezeichnen.“ 

Man beachte das Wort „wir“. Lauterbachs Reaktion war billig. Ein Whataboutism. Es war aber auch brillant, weil es funktionierte. Konnte Lauterbach den konkreten ausschließlich gegen ihn gerichteten Lügen-Vorwurf entkräften? Ihn mit Argumenten widerlegen? Nein. Wie denn auch? Aber er konnte seine eigene Entlarvung umwandeln und sich von der Täter- in die Opferrolle begeben. Lauterbach wandelte einen persönlichen Angriff in einen allgemeinen Angriff auf alle Abgeordnete um. Die eigentliche Botschaft seiner Antwort war: 

Die AfD ist undemokratisch. Wir, alle anderen Parteien, sind demokratisch.

Dementsprechend gab es Beifall aus dem ganzen Plenum, ausgenommen der AfD. Lauterbachs Reaktion war ein Ablenkungsmanöver. Ein Whataboutism. Das kann man nüchtern analysieren unabhängig des eigenen Standpunkts über die polarisierende AfD. Selbst wenn man der Meinung ist, Lauterbach habe hier Recht.

Der dritte Akt: Als Redner stand dem Abgeordneten Brandner das letzte Wort zu. Lauterbach solle froh sein, dass er ihn nur als Lügner bezeichnet habe. Schweigen im Saal. Dann kam Christine Aschenberg-Dugnus von der FDP ans Rednerpult. Höchst emotional, sichtlich aufgebracht angesichts dessen, was gerade passiert war. Schließlich wurde auch Sie als Lügnerin bezeichnet. Wurde Sie? Nein. Karl Lauterbach ließ nur Sie und alle glauben, dass Sie es wurde. Dank Whataboutism. Dank Täuschung. Frau Aschenberg-Dugnus wich von Ihrem Rede-Skript ab und blies wutentbrannt zur Gegenattacke. Die AfD habe behauptet, dass es nie zu einer Überlastung der Krankenhäuser gekommen sei. Das stimme so nicht, denn es habe Notverlegungen von Patienten in andere Krankenhäuser gegeben. Der springende Punkt hier ist nicht die Schwäche des Arguments, schließlich gab es solche Verlegungen schon immer. Der springende Punkt ist der wutschnaubende Satz, der anschließend folgte. Aschenberg-Dugnus schrie in Richtung Brandner und der AfD:

„Insofern erzählen Sie hier auch die Unwahrheit.“ 

Man beachte das Wort „auch“. Frau Aschenberg-Dugnus fühlte sich als Lügnerin beleidigt, was Sie gar nicht wurde. Und entgegnete anschließend dem vermeintlichen Angreifer, er würde ebenfalls lügen. An dieser Stelle wurde das Schaupiel endgültig zur Komödie. Es war wie im privaten Bereich in einem schwachen Moment. Slapstick.

Aber ihr! Ihr seid doch nicht besser! Ihr habt auch gelogen und überhaupt!

Epilog: Unterm Strich handelt es sich bei Whataboutism um Missbrauch von Sprache zur Täuschung. Und wo es Missbrauch gibt, gibt es leider immer auch Missbrauch des Missbrauchs. Die meisten Themen kann man aus unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten. Lässt Ihr Gegenüber nur seinen eigenen Blickwinkel zu, wird er Ihnen als Totschlagargument folgendes in einer Diskussion sagen:

„ Whataboutism. Auf dein Whataboutism gehe ich erst gar nicht ein.“

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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9 Antworten

  1. Guten Tag,
    also was ich noch viel schlimmer finde als die Debatten und Gegenseitigen Befeuerungen im Bundestag, sind Talkrunden in denen sich die Gesprächspartner nicht ausreden lassen. Das ist so anstrengend. Und man erlebt einfach keinen sachlichen Diskurs mehr, also kann man das oder sollte man das alles nicht mehr ernst nehmen. Mich belustigen dann immer die Kommentare darunter, sofern sie zugelassen wurden. Herrschaftszeiten! Oftmals denke ich genauso und stelle mir einfach die Frage warum sich aus meiner Sicht nichts Gescheites durchsetzen kann.

  2. Nicht Kommunikationstechniken sind das Problem,
    sondern Menschen,
    die für ein System arbeiten oder es anrufen,
    wenn sie nicht bereit, willens oder/und in der Lage sind,
    auf friedlichem Weg in freiwilliger Kooperation mit ihren Mitmenschen
    ihre eigenen Ziele und Bedürfnisse zu verwirklichen und befriedigen,
    aber wie ein trotzige Kleinkind ihren Willen erfüllt sehen wollen,
    wofür sie das System benutzen,
    welches über die Macht verfügt,
    ihre Ziele und Bedürfnisse auf Kosten und zu Lasten friedlicher Mitmenschen
    über die Androhung und Anwendung von Zwang und Gewalt
    für sie zu übernehmen.
    Am allermeisten leiden unter einem solchen System
    die wirklich Bedürftigen Mitmenschen.

  3. Danke wieder für diesen Beitrag.
    Hier kommt tatsächlich mein Lieblingsunwort der Politiker ins Spiel, das inzwischen so häufig gebrauchte Wort: “Wir”. Wer oder was sind “wir”. Ich bin nicht “wir”. Sie wollen mich in etwas hineinbeziehen, mit dem ich wirklich null Konsens habe. Lauterbach oder auch andere benutzen gerne die Personalpronomen um sich eine Stärke, die sie nicht besitzen anzueignen. Was wäre der Unterschied, wenn er sagen täte: “Ich”. Dann stünde er alleine da. Aber das “wir” macht in ungleich vermeintlich stärker. Ich hatte ein Erlebnis in dem mir ein, kein böser Mensch, einmal so begegnete (Kulisse zwei Menschen alleine): Er zeigte mit dem Finger auf mich, was ich sowieso schon hasse, ungleich schlimmer, wenn mich dann dieser Finger auch noch anstupst und dann folgendes sagt: Wegen “euch” müssen “wir” Masken tragen.

    1. Liebe Eva,

      zu diesem Themenkomplex äußerst empfehlenswert und alltagstauglich das Buch von Dr. Reinhard Sprenger: “Die Entscheidung liegt bei dir”. Darin beschreibt er, auch mit drastischen Beispielen, wie man Selbstverantwortung lebt. Nämlich z.B. immer in der Ich-Form reden, es ei denn natürlich, man vertritt tatsächlich und seriös im Einzelfall eine Gruppe, von der man beauftragt wurde. Beispiel aus einem Flugzeug: “Leider können wir Ihnen das Rauchen nicht gestatten”. Stattdessen sollte es heißen: “In diesem Flugzeug ist das Rauchen nicht gestattet”. Das “können wir” schiebt die Schuld auf eine unbekannte, höhere Autorität, nur, um nicht selbst die Verantwortung zu übernehmen. Und eine ganz wichtige Kernaussage dieses Buches: Das Einzige, was ein Mensch tatsächlich MUSS, ist es, irgendwann zu sterben. Alles andere sind, so blöd es für den Einzelnen auch sein mag, eigene Entscheidungen zwischen mehreren Möglichkeiten. Wer z.B. A sagt, MUSS nicht B sagen. Er kann auch mit den Konsequenzen leben. Und wenn er das nicht will, ist es dennoch seine Entscheidung. Oder: Das Telefon hat mich aufgehalten… Das Telefon kann mich nicht aufhalten, weil es nur aus Plastik, Drähten etc. besteht. Nein, ICH habe mich entschieden, dem Telefonat den Vorzug vor meiner Verabredung zu geben.
      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Meisten diesen Gedankengängen sehr ungern folgen, weil es so unangenehm ist, plötzlich zu merken, dass man selbst zuständig ist.
      Im Erfolgsfall ist es natürlich umgekehrt, da ist man plötzlich immer ganz alleine verantwortlich… 🙂

  4. Liebe Freunde,

    was wollen wir denn noch? Siehe die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes in Österreich zu den “Lockdowns für Ungeimpfte”, siehe die dortige Kampagne zur “Auffrischungsimpfung” (ungeachtet aller derzeitigen Erkenntnisse), siehe die Reaktionen auf die Anhörung von Dr. Gunter Frank vor dem Gesundheitsausschuss, siehe die erneuten Atomtests durch den Irren in Nordkorea… endlos könnte man fortfahren. Da bleibt nur ein guter Whisky und die Hoffnung nicht aufgeben. Ich denke immer an Alice Herz-Sommer, zwei Weltkriege, KZ und sonstwas und dennoch in bester Laune 110 Jahre alt geworden. Life is going on…

  5. Ich habe das Theaterstück gesehen und gehört, wobei ich schmunzelte, dann lauthals lachte … und mir eben diese Reaktionen für die Zukunft selbst untersage; ich hab’ s mir zumindest vorgenommen.
    Das ‘Theater-(Lehr/Leerstück)’ nämlich zeigte die Verkommenheit einer ganzen Weltgemeinschaft:
    die raffen einfach nichts mehr.
    Sie sind Opfer. Von Berufs wegen oder aufgrund Berufung.
    Wer weiß das schon, wenn man bedenkt, dass Mitte der Neunziger Jahre das Neurolinguistische Programmieren = NLP vom Bundestag in bundesdeutsche Wohnzimmer gespült wurde.
    In Zeiten, in denen lange schon Opfer zu Tätern, Täter zu Opfern ‘gemacht’ werden sowie die Pseudo-Psychologen- und Analytiker Hochkonjunktur haben ist sehr sicher festzuhalten, dass der Opfer-Status Geldflüsse generiert.
    Märkte wurden geschaffen. Das weiß auch Lauterbauch.
    Hoffe ich jedenfalls, denn ich klammere mich noch immer an meine Hoffnung, dass ein einzelner Mensch doch nicht derart blöde sein kann, womit wir beim nächsten Whataboutism wären: Schwarmintelligenz.

  6. “…vom Angegriffenen zum Angreifer zu werden…” – neinnein: der Beißreflex funktioniert vor allem andersrum: der Angreifer stellt sich selbst angegriffen und als Opfer dar. Umkehr von Schuld und Verantwortung gehört zum naRzisstischen Verhaltenskomplex. Der persönlichkeitsgestörte Narzisst selbst hat damit kein Problem – nur alle anderen…erschreckend nur, wie sich Narzissmus auf allen Ebenen bis in die höchsten Politischen destruktiv auswirkt.

  7. Im Prinzip erlebe ich es ähnlich. Aber auch in Ihrem Artikel steckt ein wenig Ablenkung. Der Begriff Lüge beschreibt ja den Sachverhalt, wenn der Herr Lauterbach behauptet, im März 2022 werden alle geimpft, genesen oder gestorben sein nicht richtig. Es ist eine Irreführung, die wegen seines Titels und seines amtlichen Status und der erpresserischen Absicht verantwortungslos und sehr belastend für viele Menschen war. Ich verstehe auch nicht, warum der Herr Brandner in seiner Antwort das Ablenkungsmanöver nicht beschrieben hat, und dass auch dieses Manöver eine Bestätigung des verantwortungslosen Verhaltens von Herr Lauterbach ist.

    1. Lieber Herr Dulat,
      aufgrund der Länge der Kolumne habe ich einiges weggelassen, gekürzt und teilweise sinngemäß wiedergegeben. Zudem liegt in jeder Beschreibung eines Theaterstücks (und es war ein Theaterstück) immer eine subjektive Note. Von daher ist ihre Kritik berechtigt. Da ich spontan das Orginal der Debatte auf phoenix nicht gefunden habe und ich nicht auf Partei-Kanäle verlinken möchte, habe ich mir die Mühe gemacht, Lauterbachs Antwort und die darauffolgende Reaktion Brandners zu transkribieren. Unkommentiert.
      Lauterbach: “Ich möchte einfach für uns alle, für die demokratischen Parteien, die hier sprechen, möcht ich sagen, wir möchten, wir wollen uns hier nicht als Lügner diffamieren lassen … wir möchten uns hier nicht als Lügner diffamieren lassen. Streit in der Sache jederzeit …. wir haben unterschiedliche Meinungen, aber hier sprechen, was die demokratischen Parteien angeht … hier sprechen keine Lügner.”
      Brandner: “Herr Lauterbach. Ein Lügner ist in meinen Augen jemand, der mindestens einmal die Unwahrheit sagt, obwohl er die Wahrheit kennt. Herr Lauterbach … Sie … erzählen uns seit zwei Jahren am laufenden Band die Unwahrheit, obwohl Sie die Wahrheit wahrscheinlich kennen. Also seien Sie froh, dass ich Sie lediglich als Lügner bezeichnet habe und nicht noch andere Worte gewählt habe.”

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