Wir konnten es besser

von Bartender B. Stehle //

Die Musik erfüllt die Bar mit vollem Klang, ohne dabei aufdringlich zu sein. Als Tonträger dienen Schallplatten. Der Plattenspieler, der Verstärker und die Boxen stammen aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Natürlich zieht dieses Ensemble viel Aufmerksamkeit auf sich. Unkundige könnten hier ein Gimmick vermuten, das vordergründig dem Image dienen soll. Es besteht jedoch ein enormer qualitativer Unterschied zu der Musik, die wir heute so häufig über die diversen Streaming-Dienste hören. Letztere ist aus pragmatischen Gründen stark komprimiert und wirkt im direkten Vergleich wie ausgehöhlt. Da wir aber selten den direkten Vergleich vorgeführt bekommen und uns ja bekanntlich an alles gewöhnen, hat sich dieser Qualitätsverlust quasi schleichend durchgesetzt und wird kaum noch wahrgenommen.

Weitere Beispiele lassen sich diesbezüglich anführen. Betrachtet man ein altes, von einem Schreiner angefertigtes Möbelstück mit all seinen Details und Verzierungen, so überkommt einen ein Gefühl der Freude. Ein Regal oder ein Schrank aus einem modernen Einrichtungshaus besticht dagegen meist nur durch seine Schlichtheit oder seinen aufgesetzten modernen Look. Geht man an einem Jugendstilhaus vorbei, begeistern einen die Schönheit der Formen sowie die handwerklichen Fertigkeiten der Erbauer. Die funktionale Architektur, die den Baustil der Nachkriegszeit weitgehend prägte, scheint dagegen völlig außer Acht zu lassen, dass wir über einen Sehsinn verfügen und dass das, was wir sehen, eine Rolle spielt. Altbauwohnungen mit hohen Decken, Stuck und lebhaften Fußböden setzen diesen Kontrast zu modernen Wohnungen im Inneren fort.

Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Es scheint ein Trend zu sein, dass die Verbreitung von erschwinglicher, industriell genormter Massenware mit dem Verlust von handwerklichem Können, Qualität, aber auch der Liebe zum Detail einhergeht. Damit verbunden ist die bekannte, aber selten thematisierte Tatsache, dass vor allem im Bereich der elektronischen Güter zunehmend bereits bei der Produktion sichergestellt wird, dass die Geräte nur eine begrenzte Lebensdauer haben.

All dies ist bekannt und kann damit gerechtfertigt werden, dass auf diese Art des Wirtschaftens mehr Menschen den Zugang zu mehr Gütern erhalten. Es wird so produziert, dass sich möglichst viele Menschen möglichst viel leisten können und stetig weiter konsumieren. Dies ist ein klares Merkmal von Industrienationen, die auf stetiges Wachstum angewiesen sind bzw. sich davon abhängig gemacht haben. Diese Entwicklung kann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden.

Natürlich gibt es das ökologische Argument, das sich bei der Menge an Schrott, die wir produzieren, beinahe aufdrängt. Man kann auch die systemischen Ursachen analysieren, die Kräfte des kapitalgetriebenen Wachstums, die die oben beschriebenen Entwicklungen begünstigen. Ein Punkt, der jedoch selten berücksichtigt wird, ist die Frage, welche Auswirkungen es auf uns Menschen hat, wenn wir uns immer mehr eine Welt schaffen, die von funktionalen Überlegungen geleitet wird, und wenn wir uns mit verwässerten Imitaten umgeben, die keine sinnlichen Erfahrungen zulassen und eine nachlässige Haltung fördern.

Wie die Dinge, mit denen wir uns umgeben, und die Art und Weise, wie wir ihnen begegnen, uns beeinflussen, verdeutlichen die beiden folgenden, entlehnten Aussagen. Zum einen die Feststellung von Karl Marx, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, und zum anderen die von vielen auf ähnliche Art formulierte These, dass man ist, was man isst. Dieser Einfluss ist subtil und schwer greifbar, was jedoch nicht bedeutet, dass er irrelevant ist. Kopfloser Konsum, hier im weitesten Sinne verstanden, verändert das Wesen des Menschen, indem er ihn abstumpft, weniger sinnlich, weniger wertschätzend und weniger achtsam werden lässt. Der oben beschriebene Fortschritt hin zum Minderwertigeren kreiert also eine Lebenswelt, die unisono das Individuum schleichend degradiert.

Es ist jedoch nicht zielführend, diese Situation kulturpessimistisch zu beklagen und passiv zu bleiben. Vielmehr kann das Erkennen des Problems ein erster Schritt zur Lösung sein.

Beispielsweise kann ganz bewusst der wohltuende Effekt von Musik aus einem Plattenspieler genossen werden oder beinahe jede Sache, die einem Freude bereitet. Wenn man erkennt, dass Wertschätzung eine Übung ist und es erlernt werden muss, die Qualität und Schönheit in den Dingen zu erkennen, beginnt eine Wandlung des Bewusstseins. Es wird leicht unterschätzt, wie sich Veränderungen im Kleinen mit der Zeit auswirken können und auf andere Bereiche des Lebens übergreifen. Dieser Fokus kann auch einen unterstützenden Gegenpol zu dem täglichen Wahnsinn bilden, der uns über die diversen Medien erreicht.

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Eine Antwort

  1. Stimmt, allerdings bei Plattenspielern sollte man für gutes und wertvolles Vinyl bedenken, dass je nach Qualität der Nadel jedes Abspielen die Tonqualität verschlechtert. In dem Fall, vielleicht zusätzlich digitalisieren.

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