Zukunft ohne Deutschland

Brief vom Herausgeber//

Ich erinnere mich an einen Moment, der mir in den vergangenen Tagen wie eine seelische Zäsur erschien. Ein junger Mann, Bartschatten, skeptischer Blick, sagte mir in Abu Dhabi auf nahezu makellosem Englisch: „Ihr in Europa habt vielleicht Werte, aber wir hier haben Ziele.“ Es war ein Satz von jener Art, der nicht verklingt. Wie Muhammad Alis Phantom-Punch im Diskursnebel.

Während ich durch die neuen Boulevards dieser Stadt ging, die einst nur Wind und Sand kannte, fragte ich mich: Wann haben wir begonnen, Bewegung mit dem Rückwärtsgang zu verwechseln? Wandel mit Ideologie? Mut mit Moral?

Europa, einst das Labor des Fortschritts, ist mir zur Gedächtnislandschaft geworden. Ein Ort, an dem die Gegenwart verwaltet wird wie ein Erbe, das man lieber nicht auflösen möchte, weil man fürchtet, es sei nichts mehr übrig. Doch auf der anderen Seite der Welt baut man bereits. Nicht an Theorien – sondern an Städten, Netzen, Allianzen.

Ich stehe am Rand. Am Beobachterposten. Und ich schreibe. Weil das, was ich sah, nicht laut war – aber bedeutend. Und weil das Schweigen über das Bedeutende in meinem Land zur Tugend erklärt wurde.

Man sagte: „Trump reist in den Mittleren Osten.“  Was für eine dürftige Formulierung für das, was da geschah. Es war nicht nur eine Reise. Es war eine Neuvermessung des Raums. Und eine Abwertung Europas, das er nicht besuchte. Ich wiederhole: nicht besuchte. Keine Höflichkeitsfloskeln in Brüssel, kein Handshake in Berlin. Stattdessen: Deals in Doha, Energiegespräche in Abu Dhabi, Signale in Riad.

„Make Money, not War“, sagt der Präsident. Man darf das zynisch finden. Aber darf man auch ignorieren, wie sehr diese Formel zur geopolitischen Realität geworden ist?
Ich sah Menschen, die ihre Herkunftsorte hinter sich gelassen hatten, nicht aus Flucht, sondern aus Wahl. Sie waren nicht vertrieben, sondern entschlossen. Sie wollten funktionieren. Nicht diskutieren. In der Klinik, auf der Baustelle, am Schalter, am Empfang. Menschen, die sich nicht auf ihre Rechte beriefen, sondern auf ihre Fähigkeiten.

Und ich verstand: Das Morgen gehört nicht jenen, die am lautesten „Gerechtigkeit!“ rufen, sondern jenen, die bereit sind, heute etwas zu riskieren, um es sich morgen leisten zu können.
In Deutschland hingegen feilt man an der Sprache, während einem der Satzbau entgleitet. Die politischen Eliten, durchdrungen von einem Hang zur Selbstinszenierung, wirken wie Dirigenten eines Orchesters, das längst nicht mehr spielt.

Ich habe kein Ressentiment. Nur ein Staunen über die Entkopplung.
Der Nahostbesuch Trumps ist – so scheint es mir – das geopolitische Pendant zum Fall der Mauer. Kein Knall. Aber ein Riss in der gewohnten Erzählung. Und wer heute noch glaubt, man könne das Weltgeschehen mit Statements statt mit Strategien gestalten, der lebt in einem Bungalow aus Gedanken, die schon vor Jahren aus der Zeit gefallen sind.

Dieser Beitrag, ist keine Reportage. Es ist ein Blick. Ein Versuch, den Nebel zu durchqueren, nicht indem man ihn analysiert – sondern indem man ihn verlässt.

Ich schreibe diese Zeilen nicht, um aufzurütteln. Ich schreibe sie, weil ich nicht schweigen kann. Und weil ich glaube: Wer im Staub der Selbstgerechtigkeit stehenbleibt, wird von der Zukunft nicht überrollt – sondern übersehen.

Ihr
Markus Langemann

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9 Antworten

  1. Sehr geehrter Herr Langemann,
    dieser Beitrag irritiert mich.
    Auf der einen Seite beanstanden wir die „totalitären“ Tendenzen in Deutschland. Und auf der anderen Seite blenden wir die Realitäten und die durch die im Beitrag angesprochene technologische Zusammenarbeit zu erwartenden „transhumanen“ Entwicklungen in anderen Ländern vor wirtschaftlichem Interesse aus. Der Mensch als Objekt. Kann man machen. Aber an dieser Stelle bin ich raus, denn da gehört aus meiner Sicht etwas mehr Tiefenschärfe rein.
    Trotzdem besten Dank für Ihre Eloquenz und die Ihrer Kollegen. Immer wieder ein intellektuell anspruchsvoller Anker für mich.
    Beste Grüße
    Dr. med. Joachim Westphal

  2. Guten Tag Herr Langemann und allen weiteren Mitlesern des Club der klaren Worte,
    Ich teile die Ansichten in den Kommentaren von Herrn Heinrich und von Frau Alt vollkommen und möchte auch noch mal die Zuversicht betonen!
    Ich war beim Lesen des Artikels auch sehr irritiert.
    War das Absicht?
    Tatsache ist sicherlich, wie Sie Herr Langmann beschreiben, dass in den Arabischen Emiraten und vergleichbaren Staaten und in der gesamten Region nun quasi aufgeholt wird (so schätze ich das ein) an wirtschaftlichem Wohlstand.
    Und nicht von der Hand zu weisen ist auch, dass in unseren Breiten hier der wirtschaftliche Wohlstand gerade abnimmt. Aber die Frage ist doch an alle gestellt: ständiges Wachstum ist Krebs, oder? Ist es denn gesund, immer weiteres Wachstum zu wollen?
    Natürlich begeistert einem nicht die absolut irrsinnige Geldverschwendung in diesem Land und Europa und es macht auch wirklich Angst, insbesondere als Familie, der Zukunft entgegen zu sehen.
    Dennoch sehe ich wie Herr Heinrich und Frau Alt viele sich doch jetzt neu aufbauende Strukturen, die eine gesellschaftliche Transformation anstreben. Vielleicht ist es so, dass wir (zumindest die Pioniere, die bereits in einem anderen Bewusstsein denken und leben) das Zeitalter des Konsums und wirtschaftlichen Wachstums langsam überwinden, weil zunehmend Menschen erkennen, dass diese Werte wie Reichtum an Materialität nicht der Sinn dieses Lebens sein kann?
    Ich lese und höre täglich von zunehmend Menschen, die auch diese Vorstellung haben. Ob das so ist, wird sich zeigen.
    Das macht mir in jedem Fall Mut in Angesicht des ganzen Irrsinns. Ich möchte dieses Land nicht verlassen, sondern mithelfen, an dieser Vision zu arbeiten.
    Mit zuversichtlichen Grüßen
    Annika Terworth

  3. Ihre Sätze regen immer zum Nachdenken an dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Heute klingt mir ihr Text nach genau der Spaltung die eben leider überall in der Gesellschaft, der Welt stattfindet.
    Ich sehe ihr Entweder /Oder nicht als eine Lösung. Weshalb Moral abspalten von Aktion, einem Weg nach Vorne?!
    Danke an Herr Heinrich es ist viel in Bewegung im Miteinander, es ist nur nicht so laut.
    Ich hoffe wir lassen uns nicht in den Strudel der Angst hineinziehen, der isoliert, einen zur Marionette werden lässt und alles schwarz/weiss färbt.
    Ich glaube noch an all die Farben: miteinander, kreativ, vernetzt, komunikativ, innovativ, menschlich.
    Und ich glaube es ist gut aus dem Lärm hinauszutreten um zu spühren was die wirklich wichtigen Dinge sind. Und dafür einzustehen.
    Mit sonnigem Gruss, Susanne

  4. Ich bin betroffen. Mr. Old-New-US ist es gewöhnt, money-by-war zu „machen“.
    Für die gewissenlosen Geldmacher unserer Tage „gibt es nur einen Krieg; und das ist der Krieg ‚reich gegen arm‘. Und wir, die Reichen, werden ihn gewinnen“ (Warren Buffett). Das ist kein Spruch, Markus Langemann, es ist das klare Wort eines der ganz Großen einer bis in die Wurzeln kranken Gegenwart. Deren Verlängerung ihrer Vergangenheit identifizieren und inszenieren sie als unser aller vermeintliche Zukunft.-
    Haben Sie in der Schule auch so gut aufgepasst??
    Gute Besserung!
    Von Herzen –

  5. Grüß Sie Herr Langemann,
    mir fehlt eine Sichtweise: die AE und andere Staaten dort bauen mit Hilfe der Technik blühendes Grün inmitten der Wüste. In Europa wird vorhandenes blühendes Grün mit Hilfe der Technik immer weiter zurückgedrängt. Es gibt in Deutschland durchaus Erhaltenswertes, finde ich.

  6. Herr Langemann, wie immer finden Sie die passenden Worte.

    Wir leben in ver – rückten Zeiten, Weltanschauungen und Neuordnungen. Die Volksmasse hat längst aufgehört selbstbewusst und selbstbestimmt zu leben. Grenzenlose Dummheit regiert und das deutsche Auditorium schweigt oder klatscht ahnungslos Beifall und zahlt brav die täglich neu ausufernde Zeche für angerichtete wirtschaftliche Schäden und ist sich selbst für Kriegstreiberei nicht zu schade. Nur die dümmsten Kälber suchen ihre Schlächter selber. Weltweit belächeln kluge Kopfe das armselige Treiben in Deutschland. Gut beraten ist, wer dem Ganzen den Rücken kehrt und eigene Wege zum inneren Frieden beschreitet, fern ab von platzgreifender Ideologie, Diktat, Zensur und Demokratiefeindlichkeit. Die Biene verschwendet auch keine Zeit und Energie der Fliege zu erklären, das der Nektar viel köstlicher ist…

  7. Lieber Herr Langemann, vielen Dank für Ihre Analyse. Wie Sie richtig schreiben, ist Trump nicht zur Stippvisite nach Europa gekommen. Warum sollte er? Seit seiner ersten Amtszeit wird er medial von allen Kanälen öffentlich diffamiert. Daran hat sich trotz seiner Wiederwahl nichts geändert. Egal welches Medium man sich antut, überall wird sein Tun verteufelt. Dieses Europa mit den Politclowns nimmt sich zu wichtig und übersieht dabei, dass der Zug noch immer im Bahnhof steht, während andere Länder bereits kurz vor dem Ziel sind. Egal wie man das Tun von Trump findet, dessen Regierung hat in seinen ersten Wochen mehr erreicht, als sich in Europa die letzten 10 Jahre getan hat. Und der Stillstand wird weitergehen, da die Einsicht zur Änderung des alten Kurses nicht vorhanden ist. Da helfen auch keine neuen Parteien und Wahlen …..

  8. 100%! Brilliant beobachtet und in Worte gefasst. Vielen Dank! Meine Großeltern sind damals aufgrund physischer Gewalt nach Deutschland geflohen. Heute fliehen wir aus Deutschland aus psychologischen Gründen.

  9. Hallo Herr Langemann,

    Ihre Betrachtung ist auf einer Ebene sicherlich zutreffend. Auf einer anderen Ebene klingt es in meinen Ohren dann doch etwas einseitig: „In Deutschland hingegen feilt man an der Sprache, während einem der Satzbau entgleitet.“
    Nun, ich feile nicht an der Sprache oder am Satzbau, um einmal in Ihrem Bild zu bleiben. Ich mache neues, und das schon seit 25 Jahren. Das tue ich auf meinen Feldern (Musik Klavierpädagogik und Homöopathie). In den beiden Erstgenannten baue ich ein neues Fundament, welches tiefer und umfassender ist, als Klassik und Jazz zusammen. Viele neue Dinge sind in Umsetzung, u.a. der Bereich „intuitive Musik“. In der Homöopathie, die ich bei wahren Meistern lernen durfte, engagiere ich mich schon seit Jahren für Arzneimittelprüfungen. Was zu Beginn der Coronakrise hervorragende Erfolge zeigte und den Homöopathen helfen wird, vielen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes, den Arsch zu retten. Sorry für die Ausdrucksweise.
    Viele Andere um mich herum sind an ebenso neuen wie innovativen Dingen dran. Sie tun das zumeist unbeachtet von der Öffentlichkeit (für die so manches einfach wohl einfach zu neu wäre).
    Aufklärung und ein ehrlicher Blick auf das Geschehen sind wichtig. Dafür danke ich Ihnen. Was mir fehlt, ist die ander Ebene. Vielleicht Sie ja mal von jener aus? Dann wird das Glas auch wieder voller, und die Zuversicht gestärkt. Denn meines Erachtens nach steht die bundesrepublikanische Gesellschaft vor einer großen Transformation. Dafür brauchen Ihre
    Leser wahrlich eine Menge neues.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Alexander Heinrich, Potsdam

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