Whistleblow

Bitte an die jungen Menschen

Zwischenruf von Markus Langemann

Als Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 vor dem Bundestag, in Bonn sprach, war die Rede sofort danach historisch eingeordnet worden. Weizsäcker war der erste Bundespräsident, der damals zum 40. Jahrestag des Kriegsendes von einer »Befreiung« sprach.

Knapp 40 Jahre nach dieser bedeutenden Rede haben seine bittenden und mahnenden Schlusssätze von damals, noch jene inspirierende, leuchtende Strahlkraft, die das aktuelle politische Führungspersonal als hohle Klangschalen entlarvt. 

Die Rede endet mit folgenden Worten:

“Die Bitte an die jungen Menschen lautet:

Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.

Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.

Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden.
Halten wir uns an das Recht.
Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.
Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.”

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8 Antworten

  1. Ich bin da bei Herrn Herzer. Kinder „können nichts dafür“, was ihre Eltern anrichten. Aber sie von müssen ihnen nicht folgen oder es sogar gutheißen. Was die Seele im vorweg der Inkarnation ausgemacht hat, wissen wir nicht.
    Trotzdem war mir Weiszäcker lieber als alle, die danach kamen.

  2. Haben Sie den Mut zu hinterfragen?
    Welche Tatsachenfeststellungen lassen sich hier entnehmen, die zu hinterfragen möglich sind?

    1. Die konkrete Person Richard von Weizäcker
    2. Vita dieses Herrn:
    – 1933-36 Leiter der Hitlerjugend am Gymnasium Kirchenfeld
    – Fähnleinführer der Hitlerjugend im Jungbann 37 in Berlin-Wilhelmsdorf-Zehlendorf und erfüllte die Kriterien der nationalsozialistischen Begabtenförderung
    – Im Herbst 1938 trat Weizäcker in eine Maschinengewehrkompanie des Potsdamer Infanterieregiments 9 der Wehrmacht ein
    – 1939 Teil des Wehrmachtsüberfalles auf Polen
    – Während des Westfeldzuges Teilnahme Weizäckers an Offizieranwärter-Lehrgängen
    – 1941 Teilnahme am Unternehmen Barbarossa
    – Teilnahme an der Schlacht um Moskau
    – 1942 Beförderung zum Oberleutnant
    – 1943 Teilnahme an Leningrader Blockade (wie Helmut Schmidt)
    – Anfang 1944 Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse
    – 1945 Fahnenflucht, womit Weizäcker der Gefangenschaft entging
    – 1945 Aufnahme des Studiums der Rechtswissenschaft unter dem Doktorvater Wolfgang Siebert, der seit 1933 NSDAP-Mitglied war und zur regimetreuen Kieler Schule gehörte (unzweideutiger Vertreter der nationalsozialistischen Rechtsauffassung)
    – 1947-49 Assistent des Rechtsanwaltes Helmut Becker (seit 1937 Mitglied der NASDAP)
    – Mitwirkung Weizäckers bei Beckers Verteidigung von Weizäckers Vater, der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 7 Jahren verurteilt wurde
    – …… siehe offizielle Quellen für weitere Informationen
    3. Seit 1954 Mitglied der CDU
    Ab 1966 Mitglied des Bundesvorstandes
    …… weitere Informationen zu Weizäckers politischer Karriere in der BRD siehe offizielle Quellen
    4. Politische Ehrungen siehe offizielle Quellen

    Welchen moralischen Prinzipien folgt ein Mensch, der stets im festen Glauben an eine politische Herrschaft lebt, dieser folgt, den Befehlen gehorcht, in diesem System aufsteigt, an unzähligen befohlenen Gräueltaten persönlich teilnimmt und selbst nach Kriegsende immer noch an diesem Herrschaftskonzept nicht nur fest hält, sondern weiter Karriere macht, auf Kosten und Lasten von Mio. Menschen, die über Steuern, Abgaben, Ge- und Verbote, Vorschriften, etc. genötigt, erpresst und unter Gewaltandrohungen gezwungen werden, die herrschende Klasse zu finanzieren und deren Befehlen zu gehorchen und Folge zu leisten? Ein Mensch, der sein gesamtes Leben lang auf Kosten und zu Lasten von friedlichen Mitmenschen gelebt hat, als Netto-Steuer-Konsument! Steuern sind Raub und Räuber Verbrecher. Sie, Ihre Familienmitglieder, Freunde und Bekannte würden jedenfalls eines Verbrechens angeklagt, würden Sie friedliche Mitmenschen berauben. Politiker werden stattdessen mit Ehrungen versehen, machen Karriere unter ihresgleichen und ihre Reden werden hochgehalten und nicht selten verehrt. Faszinierend. In der Psychologie bekannt als das Stockholmsyndrom in Missbrauchsbeziehungen.

    Wer hat den Mut zu hinterfragen?
    Wer hat den Mut, sich selber gegenüber aufrichtig zu offenbaren, welchen persönlichen Moral- und Wertevorstellungen sowie Prinzipien er sich verpflichtet fühlt und diese auch lebt und in wie weit diese seine eigenen Handlungen und Moral- und Wertevorstellungen sowie Prinzipien anderen Menschen gegenüber wirklich friedlich und freundlich sind und wo und wie nicht, wo, wann, wie oft und wie massiv gar feindlich und aggressiv?
    Mut zur Wahrheit sich selbst gegenüber wäre ein erster Schritt, den bereits die Masse nicht bereit zu gehen scheint.
    Oder doch?

  3. Der zitierte Teil der Rede in allen Ehren.

    Um jedoch ehrlich zu sein: ich mochte Richard von Weizsäcker nie. Als er diese Rede hielt, war ich zarte 17 Jahre alt und wusste nicht einmal genau, warum ich ihn nicht mochte. Heute weiß ich es. Es war nicht nur dieses aristokratisch näselnde Timbre in der Sprechweise dieses frommen Christen, der noch in hohem Alter Sonntags Psalmen las. Nein, das allein war es nicht.

    Sein Vater, Ernst von Weizsäcker, wurde 1949 in Nürnberg zu sieben Jahren Haft verurteilt, da er Papiere für die Deportation französischer Juden in das Konzentrationslager Auschwitz unterzeichnet hatte. Sein Sohn, Richard von Weizsäcker, plädierte als Hilfsverteidiger auf vollkommene Unwissenheit und Unschuld des Nationalsozialisten Ernst von Weizsäcker, welcher erklärte, gedacht zu haben, Auschwitz sei ein sicherer Ort für französische Juden als Frankreich. Seine Haftzeit endete nach Verbüßung von eineinhalb Jahren Haft bereits im Oktober 1950.

    Von 1962 bis 1966 war Richard von Weizsäcker geschäftsführender Gesellschafter von Boehringer Ingelheim. Der Spiegel schrieb am 04.08.1991 unter dem Titel „Der Tod aus Ingelheim“:

    “Nach dem Krieg wird Boehringer erklären, man habe nicht zur Entlaubungsaktion in Vietnam beigetragen. »Wir sind nicht für die Entscheidungen der amerikanischen Armee verantwortlich.« . . . »Mit großer Betroffenheit« habe er erst Jahre nach seiner Tätigkeit bei Boehringer von Agent Orange erfahren, sagt Richard von Weizsäcker, damals Geschäftsführer und Mitinhaber, heute. »Inwieweit und wann anderen in der Firma die Tragweite eigener Produktionsvorgänge bekannt wurde, die erst bei anderen Firmen zur Herstellung der einschlägigen Mittel dienten und deren Folgen durch den Einsatz der sogenannten Entlaubungsmittel erst allmählich offenbar wurden«, darüber wisse er nichts zu sagen.” (Spiegel, 04.08.1991)

    Eine Entschuldigung beim Vietnamesischen Volk klingt anders.

    In der legendären Rede vom 08. Mai 1985 zeigte Richard von Weizsäcker erneut Charakterschwäche. Als Mitglied der bis heute durch und durch transatlantischen Partei namens CDU brachte er es nicht fertig, darauf hinzuweisen, wer es gewesen war, der Deutschland vom Nationalsozialismus befreit hatte, nämlich die Rote Armee der Sowjets unter einem hohen Blutzoll. So beließ er es schlechterdings bei nichts banalerem als einem Tag, der die Deutschen befreit haben soll und sprach: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

    Übrigens: der 8. Mai war – welch ein Zufall – auch der Geburtstag von Harry S. Truman, der als US-Senator im Jahr 1941 sagte: “If we see that Germany is winning we ought to help Russia, and if Russia is winning we ought to help Germany, and that way let them kill as many as possible.”

    1. Ohne Zweifel haben uns alle Alliierten, je nach ihren Möglichkeiten, am Ende des Zweiten Weltkriegs vom Nationalsozialismus befreit. Mein Vater, unfreiwillig bei der Wehrmacht – er wurde beinahe erschossen, weil er es wagte, das offen auszusprechen. Er überlebte das Kriegsende und die Gefangenschaft. Die Tiefflieger- und Bombenangriffe hörten auf. Der Krieg war verloren und alle Deutschen, die überlebten, bekamen mit der Zeit ihre persönliche Freiheit zurück. Im Osten hat es leider 44 Jahre länger gedauert. Dass R.v.W. versucht hat seinen Vater zu retten, finde ich verständlich, viele hätten es genauso gemacht. Und der Spiegel ist und war immer schon der Spiegel.

    2. Der H. Weizsäcker war der beste Präsident den Deutschland hatte, man muß jeden Menschen zugestehen das er sich ändert oder was kann ein Kind für seine Eltern. Wer so denkt ist nicht nur dumm. LG

      1. Sehr geehrter Herr Hausmann

        Möglicherweise haben Sie meinen Text falsch verstanden. Ich belaste Richard v. Weizsäcker nicht damit, dass er Sohn eines Nationalsozialisten war, obgleich in Adelskreisen die Abstammung wiederum eine Bedeutung im Zusammenhang mit Privilegien haben kann. Ich kritisiere ihn ausschließlich dafür, dass er sich nicht nur nicht von den Verfehlungen seines Vaters distanzierte, sondern ihn sogar persönlich verteidigte. Dies zu tun, mag ja sein Recht gewesen sein, keineswegs jedoch eine Pflicht, und ich nehme mir die Freiheit heraus, es zu kritisieren.

        Allerdings schließe ich nicht einmal aus, dass Vater und Sohn v. Weizsäcker tatsächlich davon überzeugt waren, dass Auschwitz ein sichererer Ort für französische Juden war. In den Zirkeln der Mächtigen galt es schon immer als eine Tugend, Verschwiegenheit mit Unwissenheit zu tarnen.

  4. Diese großartigen Worte sind leider verflogen. Jetzt sollen die Menschen hassen, denunzieren und den Anordnungen einer fast durchgängig korrupten Regierung folgen. Erst wenn die Menschen wieder schweres Leid erfahren, wird es vielleicht einen Weg zum besseren geben. Der Abgrund ist nah. Es bleibt wohl als einzige Hoffnung, dass dies schnell vonstatten geht.
    Es wird aber wahrscheinlich ein langsames und qualvolles Siechtum werden.

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