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Erst mal zu Penny?

von Peter Löcke //

Inflation und Rezession. Deutschland in einer schweren Wirtschaftskrise. Deutschland als Schlusslicht aller Industrienationen mit der jüngsten Prognose eines negativen Wirtschaftswachstums. Robert Habeck wirkt zunehmend angefasst und flüchtet sich bereits gedanklich ins All. Formate mit Auswanderungstipps sprießen vermehrt aus dem Medienboden. Fachkräfte, die es sich leisten können, verlassen Deutschland. Die Menschen, die hier bleiben, drehen jeden Cent drei Mal im Portemonnaie um. 

Das ist wahrlich ein ungünstiger Zeitpunkt für Preiserhöhungen. Wenn diese dank Inflation doch erfolgen, begründet ein Unternehmen solche Preisanstiege in der Regel verschämt. Begründet werden sie mit dem Anstieg der eigenen Energie- und Betriebskosten, die das Unternehmen leider an den Endverbraucher weitergeben müsse. In einem entschuldigenden Tonfall, sprachlich verpackt mit dem Euphemismus Preisanpassung. Nicht so Penny. Penny erhöht die Preise freiwillig. Penny erhöht die Preise mit stolzer ideologischer Werte- und Werbebrust.

Der Lebensmitteldiscounter aus der Rewe-Gruppe startet die Kampagne Wahre Kosten und hebt die Preise für neun ausgewählte Produkte temporär an. Die Reaktionen darauf verlaufen vorhersehbar. Politik wie Leitmedien beschreiben die Aktion wohlwollend und erklären dem Bürger, warum der Discounter so handelt. Der Bürger und Penny-Kunde wiederum reagiert empört und droht mit Liebes- und Kaufentzug. Tenor in den sozialen Medien? Kein Penny mehr für Penny. In einem Zustand der Empörung und der Wut übersieht man oft Dinge. 

Daher ein Versuch, die Kampagne nüchtern und mit etwas Abstand zu beleuchten.

Worum geht’s bei der Aktion „Wahre Kosten“?
Penny erhebt vom 31.07. bis 05.08.2023 eine Woche lang auf neun seiner Produkte einen Umweltaufschlag. Der Discounter möchte die wahren Preise für ein Produkt benennen und dabei nicht nur ökonomische, sondern erstmals auch soziale und ökologische Kostenfaktoren einfließen lassen. Eine marktwirtschaftliche Premiere. Diese „neuen“ Kostenfaktoren seien Klima, Wasser, Boden und Gesundheit. Besagte Neukosten haben Nachhaltigkeitswissenschaftler der Uni Greifswald und der Technischen Hochschule Nürnberg modelliert. Das sei alles „wissenschaftlich geprüft“. So steht es fettgedruckt im Prospekt.

Die eigentliche Werbebotschaft
Spannend ist die Aktion innerhalb der Aktion, die eigentliche Werbebotschaft von Penny. Klickt man sich durch die neun verteuerten Angebote alias Nicht-Angebote, stellt man fest, dass die Preiserhöhungen je nach Produkt sehr unterschiedlich ausfallen. Präsentiert werden gute wie böse Marken, Erzeugnisse mit großem wie mit kleinem ökologischem Fußabdruck. Sie haben als Kunde die vermeintliche Wahl. Greifen Sie bitte gerne zum pflanzlich leckeren, klimaneutralen veganen Schnitzel. Damit belasten Sie die Umwelt wenig bis gar nicht. Nur 14 Cent Mehrkosten an Fleischersatz und schlechtem Gewissen, nur fünf Prozent Umweltaufschlag. Fällt Ihre Wahl jedoch auf die feilgebotenen Wiener Würstchen oder eine bestimmte Käsesorte, sind Sie ein Umweltsünder. Hier ist leider ein Umweltaufschlag von nahezu hundert Prozent erforderlich. Sagt die Wissenschaft. Aus Marketingperspektive ist interessant, dass eines der bösen Produkte, dessen Preis fast verdoppelt wurde, als Eyecatcher der Kampagne dient. Greifen Sie also bitte nicht (!) zu den prominent platzierten 8 Scheiben Maasdamer. Der Käse kostet in dieser Woche 4,84 € statt wie üblich 2,49 €. Falls Sie es unbedingt dennoch wollen, kaufen Sie gefälligst das schlechte Gewissen mit. Da stellt sich umgehend die Frage: Ist das Werbung, Anti-Werbung oder eine aggressive Umerziehung des Kunden Richtung politisch korrekter Ernährung? Eine Umerziehung, die notfalls über den Preis geschehen soll.

Der Blick hinter die Kulissen
Die Wut vieler Kunden ist vorprogrammiert. Einerseits. Andererseits sind Marketingexperten keine dummen Menschen. Warum also startet ein großer Konzern eine solche Kampagne, obwohl sie eher Schaden als Nutzen bringt? Warum startet Rewe eine Verteuerungskampagne, obwohl der typische Penny-Kunde auf seinen Geldbeutel achtet und eben nicht der betuchte Grünen-Wähler ist, der sich bei jedem Produkt ökologische Nachhaltigkeit leisten will und auch kann? Man kann nur spekulieren. Eine mögliche Erklärung ist, dass Penny schlecht beraten war und an einen großen Imagegewinn glaubt. Schließlich werden in der Werbeaktion die Zugpferde Klima und Nachhaltigkeit geritten. Außerdem fließen die Erlöse der Verteuerungskampagne einem guten ökologischen Zweck namens „Zukunftsbauer“ zu. Es gibt eine weitere Erklärung: Die gesamte Aktion ist ein Test- und Versuchsballon.

Der Blick in die Zukunft
Vielleicht haben Sie den Artikel Woker Wahnsinn Wallstreet gelesen. Darin wird beschrieben, wie BlackRock und Co, aber auch die große Politik, Unternehmen dazu zwingen, sich „woke“ zu vermarkten. Regenbogen-Marketing um jeden Preis, selbst wenn es dem eigenen Unternehmen schadet. Zur Not mit Milliardenverlusten wie sie die Konzerne Anheuser-Busch und Target im Anschluss an ihre Werbung erlitten. Die spannende Frage lautet, ob das, was beim Thema Regenbogen geschah und geschieht, nun auch bei der Ernährung geschehen soll. Handelt es sich bei der Aktion von Penny um einen Einzelfall oder werden andere Lebensmittelkonzerne mit ähnlichen Kampagnen folgen? Über ersteres würde ich mich freuen. Dennoch setze ich jeden Penny darauf, dass letzteres geschieht.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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6 Antworten

  1. Vandana Shiva’s Buch „Wer ernährt die Welt?“ zeigt Lösungswege auf. Das Problem des Raubbaus am Boden ist wohl das vorrangige. Gleiches kommt von Alan Savory. In „Holistic Management“ postuliert er eine CO2 Reduzierung durch die Regeneration der Böden, interessanter Weise mit Viehhaltung. Laborfleisch brauchen wir also nicht. Agrarchemie wohl auch nicht, nur blöd, dass dann die Profite für Bayer und Konsorten ausbleiben. Spekulationen mit Nahrungsmitteln werden so auch nicht leichter. Können wir uns das leisten? Wollen wir das? Wie geht das? Sesamstrasse – schon vergessen? „Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ Das zumindest können wir uns nicht leisten, fürchte ich.

  2. Liebe Community, abseits jeder ideologischen Betrachtung erinnere ich hier einfach mal daran, dass die typischen Discounter-Preise für tierische Lebensmittel – also nicht nur Fleisch, sondern beispielsweise auch Milchprodukte – und auch sonstige aus tierischen Vorprodukten gewonnene Produkte IMMER mit Tierquälerei mehr oder weniger großen Umfanges einher gehen. Es stellt sich also m. E. nicht so sehr die Frage nach dem Preis, nicht die Frage nach Ideologie oder Umerziehung sondern schlicht ob wir Tierquälerei in dem aktuell üblichen Umfang weiterhin als Normalzustand hinnehmen wollen, während bei uns in Deutschland und den Nachbarländern der Hund, die Katze oder der Kanarienvogel dekadent verhätschelt werden – egal ob die das toll finden oder nicht.

  3. Ein ganz spannender Blick auf diese fragwürdige, ominöse, regelrecht zu Theorien ihrer Verschwörung – pardon: Erklärung – anstiftenden Aktion! Ich würde mich auch scheuen, einen Penny auf die Gegenwette zu setzten.

  4. Die Ersatzreligion und das goldene Kalb dieses Zeitgeist heißt ” Klima- und Umweltschutz ” und treibt immer neue Blüten. Der mündige Bürger ist zu einem Relikt der Vergangenheit geworden. Wenn der Bürger sich nicht freiwillig und voller Begeisterung dieser neuen Religion beugen will, muß er halt über den Preis ” sanft ” dazu gezwungen werden. Zwang hat viele Gesichter. Den großen Unternehmen und den von ihnen gesteuerten Politikern winkt indes bei diesem ” Ablasshandel ” das große Geld und befriedigt den Machtanspruch. Es ging und geht im Grunde immer um Profit…..und wenig bis gar nicht um Idealismus. Der eine oder andere konforme Bürger mag da aus Überzeugung und dem guten Gewissens wegen mitmachen. Darin liegt der Verkaufstrick. Den hatten schon die Kirchen in der Vergangenheit traurig drauf. Die hatten schon in der Vergangenheit das ewige Leben und die Erbsünde erfolgreich vermarktet und am versprochenen Seelenheil unermessliche Reichtümer angehäuft. Der Mensch muss bloß über das schlechte Gewissen ” motiviert ” werden und an das Versprochene fest glauben. Man sieht, diese so simple, wie auch durchschaubare Verkaufsstrategie verspricht heute noch Erfolg. Als ” Ungläubige ” halte ich persönlich weder etwas von der Kirche, noch von Ersatzreligionen und widersetze mich, solange es geht…….

  5. Ich denke Penny – als REWE-Billigware – hat gegenüber Mitbewerbern wie Aldi und Lidl einen schlechten Stand. Der Service bei Reklamationen ist deutlich schlechter. Die Läden machen optisch wenig her und der Preis ist dafür immer noch zu hoch. Dieser Ritt auf dem Klima-Pferd ist ein Versuchsballon. Die haben nichts mehr zu verlieren.

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